Klimakrisenmusik. Ein Essay.

(Musik-)Popkultur & Klimakrise: Ein Essay.

Dieses Webprojekt ist unter den Namen Musik-und-Klimakrise.de und unter Klimasongs.de erreichbar.

Eine kurze Anmerkung vorweg:

Für alle Ausführungen auf den Pages dieses Webprojekts gilt: Maßstab für die Einordnung von Aktionen, Statements, Nachhaltigkeitsmaßnahmen und Songtext-Aussagen der letzten Jahre sind

  • das Pariser Abkommen,
  • das 1,5°-Ziel,
  • das noch verbleibende CO2-Budget,
  • die aktuellen Berichte des Weltklimarats IPCC und des Weltbiodiversitätsrats IPBES sowie
  • die planetaren Grenzen.

Für Menschen, die sich bislang weniger mit diesen Themen beschäftigt haben, mag die nachfolgende Analyse von Fall zu Fall daher harrsch wirken – aber einen anderen Maßstab als den der Zukunftsfähigkeit anzulegen erscheint nicht sinnvoll: Wir haben uns am Notwendigen zu orientieren, nicht am vermeintlich politisch-gesellschaftlich Machbaren. Die Zeit des Herumlavierens ist definitiv vorbei.

In diesem Sinne möchte ich den nachfolgenden Ausführungen ein Zitat des Klimatologen Anders Levermann voranstellen:

  • „Wir brauchen nicht weniger Emissionen, wir brauchen null Emissionen. Null! Das ist etwas anderes als Emissionen verringern. Etwas fundamental anderes, wenn sie mit Wirtschaftsvertretern sprechen. Verringern bedeutet, ich mache etwas weniger, und das wollen Wirtschaftsvertreter nicht. Null Emissionen heißt, ich mache etwas anders (2020).

Intro.

Als Autor des 700-seitigen Handbuch Klimakrise (frei & komplett online verfügbar) und als Mitglied des Koordinierungskreises des Zukunftsrats Hamburg erlaube ich mir gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Mit Reformen ist es nicht getan. Wir brauchen eine alle Lebensbereiche auf den Kopf stellende sozial-ökologische Transformation, um die Zivilisation zu bewahren und auf diese Weise z.B. den derzeit Jüngsten unserer Gesellschaft sinnstiftende Lebensbedingungen in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts zu sichern.

Und diese Sozial-ökologische Transformation – kurz: „SÖT“ – wird neben vielem anderen auch unsere Gewohnheiten, wie wir Musik konsumieren, wie wir auf Konzerte gehen etc. verändern.

Höchste Zeit also, dass sich das Musikbiz dieser Herausforderung intensiv annimmt und u.a. herausfindet, wie man klimaneutral touren kann. Wie Clubabende ohne Einwegprodukte auskommen. Wie ein Openair-Festival müllfrei gestaltet wird – und wie man vermeidet, dass Menschen aus der ganzen Welt nach Wacken einfliegen. Das geht nämlich nicht mehr. Planetare Grenzen und so.


Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie die sich doch stets so progressiv gebende (Pop-)Musikkultur mit dieser größten Herausforderung, vor der die gesamte Menschheit je stand – und deren Bewältigung zur Bewahrung der Zivilisation unabdingbar ist -, umgeht.

Naheliegend ist also eine in der Öffentlichkeit stattfindende bzw. in der Öffentlichkeit wahnehmbare Beschäftigung/Auseinandersetzung mit dem Themenkreis Klimakrise/Massenaussterben

  • als Musiker*innenpersönlichkeit bzw. über Statements
  • via Musikwerk bzw. musikalischem Ausdruck.

Ausgangspunkt für dieses Webprojekt ist daher die vom britischen Journalisten Alex Marshall 2015 pointiert auf den Punkt gebrachte Frage

„Where are all the Climate Songs?“

  • „Musicians have written exhilarating protest songs about everything from civil rights to apartheid. Yet no-one’s managed a popular song about what’s meant to be the most important issue of our time. Music writer Alex Marshall asks why.”

Karl Fluch fasst das Phänomen „Where are all thenclimate songs“ in andere Worte:

„Früher hat das Bono erledigt. Herrscht irgendwo Hunger? Bono singt die Teller voll… Popmusiker gelten seit ihrer politischen Positionierung an der Seite der US-Bürgerrechtsbewegung als so etwas wie das Gewissen der Welt“ und kommt dann zu dem Schluss, dass das Prinzip ‚Popmusiker*innen als Gewissen der Welt‘ in der Klimakrise nicht gilt.

In der Tat: Wenn man sich klarmacht, wieviele Tonnen es an politischer/politisierter Musik in der (Pop-)Musikhistorie des 20. Jahrhunderts gibt, sind – so die Grundthese dieses Webprojekts – Musiker*innen heute merkwürdig still. Stimmt diese Annahme? Und wenn sie tatsächlich so zurückhaltend sind wie vom Autor wahrgenommen: Warum?


Welche Arten der Beschäftigung mit dem Themenkreis „Klimakrise/Massenaussterben“ (=globale Umweltkrise) wären denn denkbar in diesem Zusammenhang?

Zum Beispiel

  • Songs, die das Thema Klima/Massenaussterben textlich (und evtl. zusätzlich musikalisch) aufgreifen, von Musiker*innen aller Genres aber auch aus dem (musik-)kabarettistischen Bereich
  • Musik im Bereich der zeitgenössischen Musik, absolut, als Installation oder als Soundtrack für Theater, Tanztheater etc.
  • Musik als Soundtrack zu dokumentarischen oder fiktionalen Filmen zum Thema
  • Musiker*innenauftritte live auf Demos
  • thematisch passende Musik per Konserve auf Demos
  • Protestsongs & gesungene Slogans auf Demos
  • Musik-Festivals mit einem Klimakrisen/Biodiversitäts-Motto
  • Musiker*innen, die ihre Prominenz nutzen und sich z.B. in Interviews bzw. zwischen Songs auf Live-Konzerten äußern, allgemein Haltung zeigen oder per Schirmherrschaft oder als Aktivist*innen einbringen – oder die Politik(erInnen) herausfordern
  • Musiker*innen, die ihren Privat-Jet abschaffen
  • Musiker*innen, die es unterlassen, sich für Fan-Kreuzfahrten herzugeben
  • Unterlassung von Flug-involvierenden Konzertreisen ganzer Orchester
  • Unterlassung des Drehs von DSDS und ähnlichen Formaten in Interkontinentalflug-Entfernung.
  • Veranstaltungswirtschaft: Konzerte/Festivals in Sachen ökologischem Fußabdruck verbessern bzw. klimaneutral gestalten
  • Musikbranche: Auslobung Preise für Nachhaltigkeit etc.
  • Musikproduktion: Reduzierung des CO2-Abdrucks durch Nutzung von Ökostrom, gebrauchter Produktionsgeräte, Nutzung von Virtualität
  • Musiker*innen als Opfer des Klimawandels, Biodiversitätsverlust, klima-motivierter Vertreibung, Flucht
  • (Musik-)Wissenschaftskonferenzen bzw. -kongresse, die virtuell/hybrid stattfinden und daher Flugbewegungen vermeiden – und die auf diese Weise zur Demokratisierung/Diversifizierung der (Musik-)Wissenschft beitragen, weil vermehrt auch Redner*innen/Teilnehmer*innen partizipieren, deren Budget eine Teilnahme vor Ort nicht zugelassen hätte.
  • Musikwissenschaft, die eben diese Zusammenhänge rund um „Musik und Globale Umweltkrise“ analysiert.

Playlist auf Spotify „International Climate Strike“

Fasst man den Begriff „Klimakrisen-Songs“ eng, so findet man vgl. Rubrik „Klimakrisen-Songs“ eher wenig Material, d.h. (auf den ersten Blick) überraschend wenig Musikstücke, die sich konkret mit dem Themenkreis „Klimakrise/Massenaussterben“ befassen.

Nimmt man den Begriff „Globale Umweltkrise“ als Dachthema für die sich dahinter verbergenden Herausforderungen und Kipppunkte, dann findet man schon mehr:

  • Den Veganismus von Moby
  • Jack Johnson – You Can’t Control It (2017, Kampf gegen Plastik) (vgl. utopia.de “10 Tipps von Jack Johnson gegen Plastik“ )
  • Angélique Kidjo erhielt 2018 den Ehrenpreis des Deutschen Nachhaltigkeitspreises für ihr jahrzehntelanges humanitäres Engagement, insbesondere für die Bildung und Gleichstellung von Frauen in Afrika.
  • Stefan Gwildis ist seit 2018 Greenpeace-Antarktisbotschafter.

Überhaupt wird die Liste, je tiefer und intensiver man gräbt, länger. Das ist logisch – und das bedeutet noch lange nicht, dass sich Musiker*innen allgemein und ihrer Verantwortung als in der Öffentlichkeit stehende Person gerecht werdend, sich vielfach und z.B. für ihre Fans wahrnehmbar in das Thema einbringen.

Und es ist ja nicht so, dass Musiker*innen stets und immer auf der „richtigen Seite der Geschichte“ stehen. Ich denke da an Metal-Musiker*innen, die beim Sturm aufs Kapitol dabei waren – oder auch an die erschreckend vielen musikalischen Thunberg-Herabwürdigungen, die freilich i.d.R. von Menschen ausgehen, die mal eben in fünf Minuten einen Basis-DJ-Track zusammenschrauben, was bekanntlich jede*r kann und die*den ich zumindest nicht automatisch eine*n Musiker*in nennen mag.

Es gibt sie, die „Hits zum Klima/Massenaussterben“ – aber sie sind rar gesät. Dem Erfolg von Protestsongs alter, analoger Tage am nächsten kommt definitiv Lil‘ Dickys „We Love The Earth“. Der Song vereint allein bei YouTube 314 Mio Aufrufe seit seiner Veröffentlichung 2019. An der älteren, weniger Internet-affinen Generation ist der Song allerdings mangels Airplay außerhalb der sozialen Medien nach meiner Einschätzung weitgehend vorbeigegangen.

Kennen Sie einen „Klimahit“ in Deutschland?

Sicher, Fridays for Future haben den einen oder anderen Song veröffentlicht – und die Zielgruppe hat dies dankbar angenommen.

Ich habe mich immer gefragt, welcher Mainstream-fähige Act in Deutschland der erste sein würde, der das Thema „Klimakrise/sechstes Massenaussterben“ medial unüberhörbar, nicht-ignorierbar in einem Song aufgreift… Am 8. März 2019 war es dann soweit. … and the winners are: Die Ärzte mit ihrem Song „Abschied“. Der Song erwähnt zwar das Klima nicht, sondern zielt darauf ab, dass es für den Planeten doch deutlich angenehmer wäre, würde die Menschheit einen letzten „Drink, der geht aufs Haus“ nimmt und dann ausstirbt.

Der bislang einzige Popsong, der nach meinem derzeitigen Kenntnisstand das Wort „Klima“ in den Lyrics führt und im Radio gespielt wurde/wird, ist – ohne Witz – Silbermonds „Träum ja nur (Hippies)“ (2019). Ein Song, der doch eher sehr, sehr sanft das Thema antippt – und der sich schon in der Titelbezeichnung für ein solches Ansinnen entschuldigt, da man ja nur – wie ein Hippie – träume. OMG.


Ein Blick zurück: „Live Earth“, 2007

2007 hatte Al Gore es geschafft, mittels seines Einflusses als Ex-US-Vizepräsident, beinahe Präsident und als Macher des ein Jahr zuvor weltweit vielrezipierten mit einem Oscar ausgezeichneten Doku-Films An Inconvenient Truth (Eine unbequeme Wahrheit) das Thema „Klimawandel“ ganz oben auf die Agenda zu setzen.

„Al Gore Live Earth Promo“ – eingeleitet durch das Morsezeichen für „S.O.S.“; designed to reach „a political tipping point“

Robert Misik in der Zeit:

  • „Klimaschutz ist hot, oder, was auch ein schönes Wortspiel ergibt: cool. Das Thema Ökologie, das sehr deutsch und auf engen Bahnen seinen Weg um den Erdball begonnen hat – mit Verbots- und Verzichtsjargon, Gegen-Lifestyle und Technikskepsis –, kommt nun sehr amerikanisch wieder zurück: als breite Entertainmentwelle, mit viel Schick und einem großen Löffel Wohlfühlrhetorik. Statt des übellaunigen ‚Wir müssen uns bescheiden‘ jetzt das ermunternde ‚Wir können es schaffen‘. Heute heißt es nicht mehr ‚Jute statt Plastik‘, sondern ‚Hybridauto statt Benzinstinker'“ (2007).

Im Fahrwasser des oben beschriebenen Zeitgeistes lag die Idee nahe, die bestehende Tradition von Mega-All-Star-Konzerten wie Live Aid (L.A. & London, 1985), Nelson Mandela 70th Birthday Tribute-Konzert1, 1988, Live 8 (“Make Poverty History”), 2005 ein weiteres Mal aufzugreifen und ein Konzert zugunsten der ökologischen Erhaltung des Planeten aufzuziehen: Live Earth.

London Opening Live Earth: „This is the greatest show on the planet and for the planet“: „The S.O.S.-All-Stars“ mit dem S.O.S.-Morsezeichen im Song und, am Ende, einer Kombination dieses Morsezeichens mit dem Rhythmus von Queens „We Will Rock You“, with Roger Taylor of Queen, Taylor Hawkins of Foo Fighters and Chad Smith of Red Hot Chili Peppers

Das von Al Gore und dem Musikproduzenten Kevin Wall initiierte Konzert fand am gleichen Tag, am 7.7.07, über einen Zeitraum von etwa 24 Stunden auf allen sieben Kontinenten in Form von elf Konzerten statt. Nicht zufällig fand eines der Konzerte in der japanischen Stadt Kyōto (öffentlich nicht zugänglich im Tempel Tō-ji), in der 1997 das sog. Kyoto-Protokoll, das seinerzeit entscheidende „Klimaabkommen“ unterzeichnet wurde, statt. Sydney, Shanghai, Washington D.C., im „Coca Cola Dome“ in Randburg in Südafrika, East Rutherford bei Manhattan, N.Y.C., Rio de Janeiro waren Konzertorte.

In Europa gab es mit dem Wembley Stadium in London und dem Hamburger Volksparkstadion gleich zwei Standorte. Bedauerlicherweise waren einger dieser globalen Konzerte – entgegen der Tradition der o.g. vorherigen global wahrgenommenen Charity-Konzerte – mit dem Kauf eines Tickets verbunden. Idee war, mit den Erlösen eine Stiftung zugunsten des Klimaschutzes einzurichten. Doch in der Folge blieben zum Beispiel im Volksparkstadion, wo die Ticketpreise zwischen 47 und 57 Euro lagen, viel zu viele Plätze frei (vgl. wikipedia 2021a).

  • „Außerdem war eine Veranstaltung in Istanbul (Türkei) geplant, die allerdings bereits im Juni mangels Interesse und Sponsoren abgesagt wurde“ (wikipedia 2021a).

Auch zu Hause wurde man an diesem Tag gut mit Musik versorgt – mit rund 125 Acts (mit noch mehr bekannten Künstler*innen), herausgegriffen seien:

  • Black Eyed Peas, James Blunt, Bon Jovi, Kelly Clarkson, Sheryl Crow, Crowded House, Jan Delay, Genesis, Juli, Alicia Keys, Angélique Kidjo, Lenny Krawitz, John Legend, Linkin Park, Madonna, Metallica, Katie Melua, The Red Hot Chilli Peppers, Revolverheld, Rihanna, Shakira, Silbermond, The Smashing Pumpkins, Snow Patrol, Cat Stevens/Yusuf, Roger Waters, Kanye West, Pharell Williams, …

Man sollte dabei nicht übersehen, dass Teil der Tradition von „Live Aid“ & Co ist, es sich zu Hause anzuschauen. (Ein Konzertbesuch kam ohnehin nur für einen Bruchteil der am Ereignis emotional Teilnehmenden in Frage. Gewissermaßen droht man sogar eine Menge zu verpassen, wenn man zu einem einzelnen Konzert fährt.)

Es lag nahe, auch die Antarktis mit in die Aktion einzubeziehen. So oblag es den Forscher*innen der britischen Rothera-Forschungsstation hier per vorproduziertem Video eine semiprofessionelle Musikdarbietung beizusteuern.

Nunatak: „Would You Do It All Again“, 2007; 31.000 Aufrufe, „[A]uch wenn die Meteorologen die Töne nicht genau treffen sollten – es geht ja nur um das Symbol: Die Welt schließt sich zusammen, damit aus dem ewigen Eis nicht bald Matsch wird“ (Misik 2007). Line Up für die beiden gespielten Songs „How many people“ und „Would you do it all again?“: Matt Balmer, physics engineer on vocals and guitar; Tris Thorne, communications engineer on fiddle; Ali Massey, marine biologist on sax; Roger Stilwell, polar guide on bass guitar and Rob Webster, meteorologist on drums.
  • „What must surely be the coolest gig in this summer’s Live Earth concerts takes place at the British Antarctic Survey’s (BAS) Rothera Research Station. On 7 July the science team’s indie-rock house band, Nunatak* 2 will debut in the global event that features over 100 of the world’s top musical acts“ (BAC 2007).

Hauptsponsor des globalen Ereignisses war Microsoft, als weitere Sponsoren fungierten PepsiCo, eBay und Philips.

  • „Smart übernahm den Shuttle-Service und sponserte das Konzert in Deutschland, während Chevrolet den offiziellen englischsprachigen „Live Earth“-Internetauftritts bei msn.com präsentierte. Kritiker bemängelten insbesondere die starke Verknüpfung des Umweltschutzgedankens mit kommerziellen Interessen“ (wikipedia 2021a).

Die weltweite TV-Übertragung wurde z.B. in Deutschland gekoppelt mit der Sendung von Gores Film-Doku Eine unbequeme Wahrheit.

Die allermeisten Songs dieses Konzerttages hatten nichts mit Klima, Massenaussterben oder Umwelt zu tun – es waren, wie schon bei „Live Aid“ & Co typische Kurzauftritte, bei denen Musiker*innen in erster Linie die Musikstücke präsentierten, die das Publikum von ihnen erwartete, d.h. ihre Hits.

Der o.g. Opening Act S.O.S. Allstars bildet somit eine inhaltliche Ausnahme – gemeinsam mit Melissa Etheridges „I Need To Wake Up“, welches dem Soundtrack von An Unconvenient Truth entstammt.

Und dann gab es dan noch Madonnas „Hey You“, welches textlich nicht gerade „expliziet“ auf die Klimakrise hinweist, sondern nur darauf, dass wir die Fäden zur Veränderung noch in den Händen halten.

„Hey, you, don’t you give up
It’s not so bad
There’s still a chance for us…
Keep it together, you’ll make it all right…“

Das dazugehörige Video wird ab der zweiten Strophe dann schon deutlicher, in dem eine Reihe humaner und ökologischer Verwerfungen visuell jeweils kurz angetickt werden. Das Ganze endet in einer Apotheose, in der kurz Zerstörung geheilt (vgl. Earth Song) und eine Vision entworfen wird, wie schön doch alles ein könnte…

Alles in allem wurden bei „Live Earth“ inhaltliche Bezüge vor allem durch Ansagen der Musiker*innen sowie der zahlreichen Promi-Moderator*innen hergestellt – und sicher auch durch diverse Interviews im zeitlichen Umfeld dieses Ereignisses.

Live Earth & die CO2-Emissionen

Der Spiegel (bzw. ClimatePartner) errechnete damals überschlägig, was für Live Earth global an CO2 rausgehauen wurde – und kam zu einer grundlegenden Erkenntnis, die für die Live-(Musik-)Entertainment-Industrie und damit für die Ausführungen dieses Webprojektes, aber auch für Sportgroßereignisse, von extrem großer Bedeutung ist: Der Löwenanteil der CO2-Emissionen entstand durch die Anreise und Unterbringung des Konzertpublikums.

  • „Für Besucher des New Yorker Konzerts ist die durchschnittliche Klimabilanz … [im Unterschied z.B. zum Hamburger Konzert) etwas schlechter, weil man mit mehr Anreisen [ – 10 bis 15 Prozent- ] per Flugzeug rechnen müsse“ (Spiegel 2007).

Während für die Emissionen durch Künstler*innen und deren Crew etwa 5.000 t CO2 kalkuliert wurden, ging man in Puncto Emissionen „Anreise/Unterbringung Publikum“ von etwa 97.000 t CO2 aus. Der Transport des Equipment schlug mit 126 t, die Emissionen des Personals vor Ort mit 126 t zu Buche. Inklusive eines „Sicherheitsaufschlag[es] für andere Emissionsquellen“ von 15% rechnete der Spiegel mit 110.000 t CO2 für dieses eintägige Konzertgroßereignis (vgl. ebd.).

„Elektrisches Licht und die Beschallung sind bei ‚Live Earth‘ noch die kleinsten klimabelastenden Faktoren“ (ebd.).


Verschiedene Autor*innen strengen Mutmaßungen an, weshalb es so auffälig wenig Klimasongs gebe.

  • Das Ziel, mit möglichst jedem neu veröffentlichten Song auf (oft von Algorithmen errechneten) Streaming-Playlists zu landen, sorge gemeinsam mit kantenlosen, per Songwriting-Camp optimiertem Songs für eine Nivellierung von Songinhalten, legt Schrader nahe. Ich halte dem entgegen, dass es auch eine Chance sein kann, anzuecken, um in der Einheitssauce aufzufallen – das muss nicht unbedingt riskanter sein.

Erläuterungen

1 Nelson Mandela wurde 20 Monate nach dem Konzert aus der lebenslangen Haft entlassen, d.h. nach 27 Jahren

2 Nunatak „bezeichnet in der Glaziologie einen isolierten, über die Oberfläche von Gletschern und Inlandeismassen aufragenden Felsen oder Berg“ (wikipedia 2021b).


Madonna den ersten offiziellen Live-Earth-Song „Hey You“


Quellen des Abschnitts (Musik-)Popkultur & Klimakrise: Ein Essay.