Musikindustrie, Live-Entertainment

Rock’n’Roll und Genügsamkeit sind aufs Ganze gesehen bislang ein ungleiches Paar. Tatsächlich hat insbesondere die Major-Musikindustrie jahrzehntelang das Bild eines „exzessiven Rock’n’Roll-Hedonismus“ gepflegt.

Beispielsweise

  • bekam der introvertierte Mike Oldfield 1973 eine Luxus-Karosse von Richard Branson gestellt, damit er sich überwindet und einmalig für die Orchesterversion von Tubular Bells auf die Bühne geht und für ein paar Minuten zur Gitarre greift
  • ging die Promotion eines Musikalbums auch schon mal im Jumbojet vonstatten
  • etc pp.

Inzwischen ist die Musikindustrie qua Digitalisierung und Verlust ihres Kerngeschäfts mit Tonträgern auf ein realistischeres Maß geschrumpft und kann sich finanziell solche Espapaden weniger leisten.

Das gilt jedoch nicht unbedingt fürs „Live Entertainment“, wo zumindest bis vor Kurzem gern noch auf die ganz große Geste gesetzt wurde.

Sensation. Die Stones landen in Fuhlsbüttel. 2017. Erstaunlich finde ich „Flight Spotting“… ich schlage vor, dieses gähnend langweilige Video eher zappend durchzuklicken.

Doch wirkt die Privatjet-Großrock’n’Roller-Attitüde z.B. der Rolling Stones mittlerweile irritierend.

Doch selbst wenn man solche Überkonsumistischen Glamour-Verhaltensweisen eindämmt – bis zu einer klimaneutralen Musikproduktion bzw. zu einem klimaneutralem Live-Entertainment ist es noch ein weiter Weg, den ich hier in den folgenden Absätzen dokumentiere.


Plastikstrohhalme abschaffen reicht nicht.

Voranstellen möchte ich dieses Zitat des Klimatologen Anders Levermann:

  • „Wir brauchen nicht weniger Emissionen, wir brauchen null Emissionen. Null! Das ist etwas anderes als Emissionen verringern. Etwas fundamental anderes, wenn sie mit Wirtschaftsvertretern sprechen. Verringern bedeutet, ich mache etwas weniger, und das wollen Wirtschaftsvertreter nicht. Null Emissionen heißt, ich mache etwas anders (2020).

Derweil läuft es bei post-Stones-Musiker*innengenerationen bereits durchaus anders:

  • „Nachgewachsene Rockbands wie Radiohead bewegen sich auf Konzertreisen lieber mit der Bahn von Stadion zu Stadion, um die Ozonschicht zu schonen“ (Dallach 2017).
  • „Der Sänger der britischen Band Coldplay kündigte an, die Band werde auf eine Tour zum neuesten Album [von 2019] verzichten. Bevor sie wieder Konzerte geben, wollen die Musiker herausfinden, wie diese möglichst nachhaltig werden können“ (Flatley 2019).

Karl Fluch führt im Standard dazu aus:

  • „Die Band denkt darüber nach, ihren Fans öffentliche und subventionierte Verkehrsmittel anzubieten, möglicherweise in Zusammenhang mit günstigeren Tickets. Und sie will Plastik zur Gänze aus den Stadien verbannen. Es gehe darum, das Wohlergehen des Planeten über alles andere zu stellen, sagte Martin. Coldplay will in Zusammenarbeit mit Umweltschutzorganisationen Lösungen erarbeiten, die das Verhältnis von Geben zu Nehmen für Bands in Richtung Geben verschiebt. Dafür will die Band in neue Technologie investieren. Das kann sich leisten, wer, wie Coldplay, mit der letzten Welttournee eine halbe Milliarde Dollar verdient hat“ (2020).

>> s.a. Video-Interview bei der BBC: https://www.bbc.com/news/entertainment-arts-50490700 (Abrufdatum 23.6.2021)

Aktuell veröffentlichen Coldplay ein neues Album – und gehen damit auf Tour:

Chris Martin:

  • „2019 haben wir versehentlich in einem Interview gesagt, wir würden nicht mehr auf Tour gehen, bis es nicht sauberer sei. Danach dachten wir: ‚Oh, verdammt, now we’re fucked‚. Dann traten aber all diese Unternehmen an uns heran, Leute, die über neue Methoden zum Bühnentransport oder -aufbau nachdachten, neue Batteriesysteme erforschten, eine Art von Carsharing für Trucks. Wenn wir also auf Tournee gehen, wird es definitiv eine Verbesserung sein“ (zit. in Frank 2021).

Guy Berryman:

  • „… Es wird nicht perfekt sein. Worüber wir aber gerade nachdenken, worauf wir uns gerade konzentrieren, das könnte wichtige Pionierarbeit sein. Etwas, das auch von anderen genutzt werden könnte, die mit viel Material um den Globus ziehen, von Bands auf Welttournee bis zum Formel-1-Zirkus“ (ebd.).

Ein Schritt nach vorne, mag sein, dennoch:

„‚Die Industrie lebt von Mobilität, Materialität und Ressourcenverbrauch‘, sagt der Musikwissenschaftler Wolf-Georg Zaddach, der das Thema an der Hochschule für Musik in Weimar sowie der Leuphana-Universität Lüneburg untersucht“ (Schrader 2021).

Und wenn selbst wenn man als hochpoluläre Musiker*in kleinere Shows produziert, den Green Touring Guide der Popakademie Mannheim beherzigt und mit der Bahn anreist – das Verhalten der Fans entwickelt (derzeit und bis auf weiteres) seine ganz eigene Dynamik…

Der Moment, in dem der Sänger der Band Vulfpeck im ausverkauften New Yorker Madison Square Garden fragt, wer aus dem Publikum per Flugzeug angereist ist:

Minute 1:18:30: „Christmas in L.A. (Intro)“

Quellen des Abschnitts „Musikindustrie, Live-Musik“