Klimakrisen-Songs

… seit dem Jahr 2000, thematisch angesiedelt im Bereich „Klimakrise“ und „Biodiversitätverlust“ (in loser Folge)


Prince Ea: „Three Seconds“, 2016
(automatisch erzeugte Untertitel einschalten!)

Prince Ea: „Three Seconds“, 2016, 93.000 Aufrufe

Auf den Punkt gebracht. Und daher zu Recht: 1st Prize Short Film Winner #Film4Climate des UNO-Sekretariats der Klimarahmenkonvention (UNFCCC) auf dem Klimagipfel in Marrakesch 2016.

„Das Video des [US-]amerikanischen Rappers und Spoken Word Artists Prince Ea kondensiert vier Milliarden Jahre Erdgeschichte plus einen verschwindend kurzen Zeitraum menschlichen Einflusses auf die Natur auf wenige Minuten Film – und die sind mit ausdrucksstarken Bildern und gerapptem Zahlenwerk zum Bersten gefüllt“ (Schilling 2016).

Prince Ea: „Dear Future Generations: Sorry“, 2015

Prince Ea: „Dear Future Generations: Sorry“, 2015, 27 Mio Aufrufe, 162.000 Kommentare

„An Apology Letter to Future Generations. Sorry.“ (YouTube)

„Sorry, we left you with our mess of a planet. Sorry that we were too caught up in our own doings to do something…. You know [this place] as the Amazon desert… Well, believe it or not, it was once called the Amazon rainforest and there were billions of trees there. All of the were gourgeous and … oh. You don’t know much about trees. Do you? … … It is up to us to take care of this planet. It is our only home…“

Niemand bringt es so auf den Punkt wie Prince Ea.


Lil Dicky: „Earth“, 2019 | Mitstreiter*innen u.a.: Justin Bieber, Ariana Grande, Snoop Dog, Kanye West, Shawn Mendes, Miley Cyrus, Rita Ora, Katy Perry, Ed Sheeran, Meghan Trainor sowie John Legend und die Backstreet Boys.

Lil Dicky: „Earth“, 2019, 314 Mio Aufrufe

„We love The Earth, it is our Planet… it is our Home.“

Der erste und einzige „Klima-/Extinction-Hit“ bislang. Im Unterschied zu „Do They Know It’s Christmas“, „We Are The World“ und „Imagine“ nicht im Radio existierend, sondern ausschließlich n den Sozialen Medien – für ältere Generationen (und traditionelle Hitcharts) daher nicht so massiv wahrnehmbar. Respekt: 314 Mio Abrufe!

Mit geballter Prominenz und einer „We Are The World“ angenäherten Melodie erreicht man die Menschen. Darüber hinaus erfährt der geneigte Unser auf einer dazugehörigen Website welovetheearth.org mittels diversen 2-Minuten-Tutorials einiges über die Klimakrise und die Möglichkeiten, individuell zu handeln. Nichts von dem, was dort vorgeschlagen wird, reicht aus – dass das alles bedeutet dass die US-Amerikaner*innen ihren Lebensstil änderrn müssen, wird weitgehend ausgeblendet – Ausnahme: „Instead of having it [Burgers] four times a week have it once a week“ – aber dafür bietet hier der Rapper und Comedian Lil Dicky überhaupt mal eine Grundinformation mutmaßlich für viele Menschen, die bislang noch nicht soviel vom Thema mitbekommen haben.

Kulturelle Auseinandersetzung mit Lil‘ Dickys „Earth“: 18,7 Mio Aufrufe: „Älteste [gemeint sind: ältere Menschen] reagieren auf Lil Dicky – Erde“: „We need more songs like this“ – Ggf. deutsche Untertitel einstellen! – Noch eine kulturelle Auseinandersetzung mit „Earth“ – Statt Sheldons „Spaß mit Flaggen“: „Spaß mit Klimasongs“: 24,5 Mio Aufrufe: Lil Dicky – „Earth“ Impersonation Cover (LIVE ONE-TAKE!) von Danny Padilla und Mason Sperling: https://youtu.be/tEE77KHOHUk (Abrufdatum 22.6.2021)

Der Charity-Song wurde bezahlt von der Stiftung von Leonardo DiCaprio, dem UN-Friedensbotschafter und Produzentene von Kinofilm-Dokus zur Klimakrise wie u.a. „Before The Flood“ (2016) und „Cowspiracy“ (2014).

Und genau das ist ein wichtiger Aspekt: Es ist ein positiv-motivierender Charity-Song, der trotz einer Grundnaivität einiges an intellekturellem Gewicht hat – und kein oh-oh-wie-schlimm-das-alles-ist Protest-Song. Wobei der pointierte reine Wein eines Prince Ea (s.o.) selbstredend gleichfalls seine Berechtigung hat.

Zumal wir alle anders erreichbar sind… mittels verschiedener Ansätze wird das Thema gleichsam eingekreist. Nur der „erhobene Zeigefinger“, der funktioniert nicht (und ist beim Thema „Klimakrise/Massenaussterben“ so schwierig zu vermeiden).


Barbra Streisand: Don’t Lie To Me (2018)

Barbra Streisand: „Don’t Lie To Me“, 2018, 5,2 Mio Aufrufe

„How do you sleep when the world is burning?”

Der Spiegel: „politischer Aktionismus mit den Mitteln des Überwältigungs-Pop“ (Buß 2018).

Video und Song wurden von Barbra Streisand selbst produziert und finanziert. Ein überdeutliches Statement gegen die Politik des vormaligen US-Präsidenten.


Aurora: „The Seed“, 2019

Aurora [Aksnes]: „The Seed“, 2019, 9,7 Mio Aufrufe

„You cannot eat money, oh no
When the last tree has fallen
And the rivers are poisoned
You cannot eat money, oh no“

… in Anlehnung an die Weissagung/Prophezeiung der Cree.

Das Video nutzt kurze (auch akustisch vernehmbare) Mitschnitte von Fridays-for-Future-Demonstrationen, was die Aktualität und Dringlichkeit unterstreicht.

Kulturelle Auseinandersetzung mit „The Seed“: YouTube-User kommentiert: „I love the addition ‚You cannot eat money, oh no – WHAT?!? – no!'““ – MASSIVE Choir covers Aurora „The Seed“ – Live At The Forum / Melbourne Indie Voices, 2020, 124.000 Aufrufe

Beim ersten Hören und Sehen dachte ich (beeindruckt): Wie Jacksons „Earth Song“, nur nicht so aufs eigene Ego getrimmt, also sympathisch… und was lese ich in den YouTube-Kommentaren:

Ithlini Ellyan Senah:

  • „This is basically the Earth Song but angrier because we don’t have much time left…“

Bodo Wartke: „Hambacher Wald“, 2018

Bodo Wartke: „Hambacher Wald“, 2018, 486.000 Aufrufe

„Ein lebendiger Wald soll hier weichen
Für eine sterbende Industrie“

„RWE… hält den Braunkohleabbau
Nach wie vor für ’ne super Idee“

„Ich wundere mich, dass unsere Bundesregierung…
das Schiff einfach unbeirrt /
auf die Klippen zusteuert“

Bodo Wartke wirbt in den sozialen Medien für konkrete Termine der Fridays-for-Future-Klimastreiks, wendet sich deutlichst gegen Rechts, schreibt ein Lied über „das System“ der katholischen Kirche und setzt sich für die Initiative Offene Gesellschaft e.V. ein.

Danke für diesen Klartext, der viel zu einmalig ist, Bodo Wartke!

Bodo Wartke: „Das Land in dem ich leben will“, 2017

Bodo Wartke: „Das Land in dem ich leben will“, 2017, 1,2 Mio Aufrufe

„Im Land in dem ich leben will, sind Frauen gleichgestellt.
Das heißt für gleiche Arbeit kriegen sie das gleiche Geld.“

Er möchte leben in einem Land…
„Wo Holocaust und Klimawandel nicht geleugnet werden.
Und nicht die jenigen in der Mehrheit sind die dieses Land gefährden.“

Es kann so einfach sein.

In „Das Land, in dem ich leben will“ plädiert Bodo Wartke dafür, mal versuchsweise das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) einzuführen, macht sich für die Gemeinwohlökonomie, die LGBTIQ-Community und allgemein Menschenrechte stark – und spendet wie auch bei anderen Songs die Tantiemen – in diesem Fall – an Amnesty International.

Bodo Wartke: „Regen 2020“, 2020

Bodo Wartke: „Regen 2020“, 2020

Seinen ursprünglich 2007 veröffentlichten Song Regen“ hat Bodo Wartke angesichts der Klimakrise textlich überarbeitet, um nicht zu sagen, neugefasst:

„Mittlerweile haben wir, kein Scherz
Schneestürme im Mai und 30 Grad im März
Wir wissen inzwischen: Hierbei handelt’s
Sich um die Vorboten des Klimawandels…

Drum: Sehr geehrte Entscheidungsträger-innen!…
Es wird Zeit, dass Sie sich regen und bewegen
Statt den Ast, auf dem wir sitzen, abzusägen!…
Und nicht erst morgen, sondern heute
Denn es bleibt nicht mehr viel Zeit.“


Das einzige, was mir als Klimakrisenforscher nicht so recht schmecken will ist die Zeile von den „Vorboten des Klimawandels“.

Dazu ist festzuhalten: Wir sind mitten drin. Fragen Sie mal einen Menschen im Globalen Süden.

Und doch liegt Wartke nicht falsch, denn selbstredend sind die derzeitigen unmittelbaren Auswirkungen derzeit in Deutschland in Relation zu dem, was künftig zu erwarten ist, noch beherrschbar.


Billie Eilish: „All The Good Girls Go To Hell“, 2019

Billie Eilish: „All The Good Girls Go To Hell“, 2019, 187 Mio Aufrufe, 311.000 Kommentare

„Hills burn in California
My turn to ignore ya
Don’t say I didn’t warn ya“

Ein Song, der kaum als direktes Statement zur Klimskrise dienen kann, aber durch den Hastag #climatestrike, das viele Feuer im Videoclip, durch obige Zeilen und einige diffuse weitere Andeutungen in den Lyrics sowie durch „A note from Billie“ im Textteil von YouTube zum Video, die mit einem konreten Streikaufruf für Fridays for Future verbunden ist:

  • „right now there are millions of people all over the world begging our leaders to pay attention. our earth is warming up at an unprecedented rate, icecaps are melting, our oceans are rising, our wildlife is being poisoned and our forests are burning. on september 23rd, the UN will host the 2019 Climate Action Summit to discuss how to tackle these issues. the clock is ticking.“

Ferdinand Meyen über „All The Good Girls Go To Hell“:

  • „Gute Klimakrisen-Songs gehen subtil mit der Message um und machen uns damit neugierig anstatt zu predigen, was wir eh schon wissen.“

Ja und nein: Es auf den Punkt bringen und dadurch durchzudringen ist auch eine gute Sache.

>> s.a. Abschnitt Statements und Aktionen, Billie Eilishs Aufruf „Our House Is On Fire“


Thirty Seconds To Mars: „A Beautiful Lie“, 2007

Thirty Seconds To Mars: „A Beautiful Lie“, 2007, 67,7 Mio Aufrufe

„It’s a beautiful lie
It’s a perfect denial
Such a beautiful lie to believe in
So beautiful, beautiful, it makes me“

„The video for ‚A Beautiful Lie‘ was shot in August 2007 in Greenland. Jared has said that the video will be environmentally safe and for every download of the video, it will go to an environmental charity“ (wikipedia 2021b).

Tatsächlich ist das „Weiter so“ eine verführerische und dabei so unfassbar erfolgreiche „beautiful Lie“… sie für sich zu akzeptieren bedeutet, den Boden des Rationalen zu verlassen. Klimawandel ist Physik – die Physik, auf die wir uns in sämtlichen Lebenslagen verlassen, wenn wir in den Fahrstuhl steigen, Bus fahren, den Föhn in die Hand nehmen…


Bernadette La Hengst & Nick Nuttall: Save The World (2014)

Bernadette La Hengst & Nick Nuttall: „Save The World“, 2014, 31.000 Aufrufe

„Es gibt kein richtiges im falschen Klima,
von Massachusetts bis nach Fukushima.“

… offensichtlich frei nach Adornos Gedanken, es gäbe kein richtiges Leben im falschen…

„Composed for ’save the world – ein theatraler Kongress mit Experten, Künstlern & Wissenschaftlern‘ am 03.- 05.10.2014 im Theater Bonn, in cooperation with UN Bonn and UNFCCC (climate secretary of the UN) and the Beethovenfest.“ (Trikont 2014)

„SAVE THE WORLD ist ein Projekt des Theater Bonn in Kooperation mit dem Beethovenfest und gefördert durch die Bundeszentrale für Politische Bildung.“ (YouTube 2014)

Nick Nuttall „was the UN’s Spokesperson for the securing of a new universal climate agreement at the 2015 United Nations Climate Change Conference in Paris.“ (wikipedia 2021a)


Silbermond: „Träum ja nur (Hippies)“, 2019

Silbermond: „Träum ja nur (Hippies)“, 2019, 632.000 Aufrufe

„Und jeder Tag n Friday for Future…
Und 2060 fragt mein Enkel mich „Du Opa, sag mal, was ist eigentlich … ne Klimakatastrophe?“
Und ich so: „Kleiner ich bin froh, dass du’s nicht weißt
Ist nämlich alles Scheiß der Vergangenheit.“

Silbermond greifen in den letzten Jahren vermehrt aktuelle gesellschaftsrelevante Themen auf, vgl. bspw. „Mein Osten“, sodass nach meiner Wahrnehmung ein wenig der Eindruck aufkommt, dass Silbermond jeweils den „Song zur Lage der Nation“ generiert, musikalisch unauffällig-gefällig und in den Texten mit zarten Andeutungen, mit denen auch Menschen klarkommen, die weniger im Thema stecken – soll heißen, solche Silbermond-Songs sind eher nicht konfrontativ.


Mal Élevé: „Planet“, 2019, 106.000 Aufrufe, in deutscher und französischer Sprache

Mal Élevé: „Planet“, 2019

„Kranker Planet – bald kommt der Zahltag
Klima verdreht – Land heiß wie Lava
Klimaverträge – alles Palaver
Nichts wird sich ändern, solang wir nur labern“

Mal Élevé auf YouTube:

  • „Wir haben keinen Planet B! Das klingt so logisch, ist es aber scheinbar nicht. Denn sonst würden wir nicht weiter so machen mit der Zerstörung unserer Erde. 💥🌏 Es darf nicht sein, dass Profit wichtiger ist als Menschen und die Umwelt! Wenn wir nicht sofort handeln, wird es irreparable Folgen geben…“

„Climate Change Deniers‘ Anthem“ starring January Jones, Jennette McCurdy, Darren Criss & More

United Deniers of Climate Change: „The Earth’s Not Getting Warmer – Courtesy of The Koch Brothers“, 2015, 26.700 Aufrufe

Funny or Die-Projekt „Climate Change Deniers‘ Anthem“ mit January Jones, Jennette McCurdy, Darren Criss, Beau Bridges, Estelle, Emily Osment, Atlas Genius, Jr Jr, Ben Feldman, Ed Weeks, Nora Kirkpatrick, Problem, Kelley Jakle, Open Mike Eagle, Bushwalla, Ta’rhonda Jones, Megan Amram, Ron Funches, Cardiknox, and the Silver Lake Chorus.

Ein User auf YouTube legt den Finger in die Wunde:

vgl. https://www.youtube.com/watch?v=UOWOLfqZOp8 (Abrufdatum 10.6.2021)

Der Song kann zumindest von Menschen, die mit dem Themenkreis „Klimakrise“ bislang kaum in Berührung geommen sind, tatsächlich durchaus falsch verstanden werden – im Extremfall als beruhigende „Trosthmyne“.

Die Idee, dieses sarkastische Video von Koch-Brother-Doubles, d.h. von Impersonators der Finanziers der Klimaleugnung präsentieren zu lassen, ist m.E. brillant.

Weniger lustig sind folgende Aspekte:

  • Die Koch Brothers sind Milliardäre und finanzielle Unterstützer der die Republikanische Partei rechts überholenden Protestbewegung Tea Party:
    • „Koch Family Foundations have spent $127,006,756 directly financing 92 groups that have attacked climate change science and policy solutions, from 1997-2017.“ (Greenpeace o.J.)

Angèle: Song ohne Titel, 2019

Angèle: „On est dans la merde jusqu’au cou“ [„Wir stecken bis zum Hals in der Scheiße“] – Song ohne Titel, veröffentlicht auf instagram angesichts von 42° Celsius im Sommer 2019, 673.000 Likes

„J’ai lu un article pas très cool,
j’aimerais bien pouvoir l’oublier…
On est dans la merde jusqu’au cou,
c’est fou comme on a su oublier.
Le déni, c’est tellement plus cool
que ce genre de vérité…“

Angèle [Van Laeken], belgische Musikerin:

  • „Was mich an der Hitzewelle, den 42 Grad, den alarmierenden Artikeln zum Zustand unseres Planeten und der Kritik an Greta Thunberg inspiriert. (Ich habe überlegt ‚on sera tous morts‘ [‚wir werden alle sterben‘] anstatt ‚il sera trop tard‘ [‚es wird zu spät sein‘] zu singen, aber dann sagte ich mir, dass es zu traurig für das Ende des Songs sein könnte“ (angele_vI 2019 auf instagram, Übersetzung Pendzich).

Tatsächlich reimt sich „morts“ deutlich besser auf „on se rendra compte“ als „“trop tard“, sodass wir hier den – als Nicht-Germanist nenne es mal – „Schatteneffekt“ analog zu dem markanten „von hinten an die Schultern“ bei Gottlieb Wendehals‘ „Polonäse Blankenese“ haben, dass das eigentlich Gemeinte unterschwellig mitschwingt.


Fridays For Future: „Fight Every Crises“, April 2020, 41.000 Aufrufe

Offizieller Song des FridaysForFuture-Livestreams zur weltweit größten Online-Demo.

Komposition/Produktion: Fabian Grischkat & Roman Lochmann | Text & Performance: Integer | Anabel Löhr | Arne Lorenz | Bruno Balscheit | Heiko Lochmann

>> Bei Fridays for Future gibt es mit Music for Future zudem eine „seit Juli 2019 … legitimierte AG von Fridays for Future Deutschland“, die jedoch bislang nur eine Handvoll Songs – darunter „Green Utopia“ – veröffentlicht hat.


Lörns: „Kein Grad weiter“, September 2020

Lörns: „Kein Grad weiter“, September 2020, 11.000 Aufrufe

„Kein Grad weiter,
Wir leisten Widerstand,
Gegen ein Wirtschaft
Die immer mehr Konsum verlangt.“


Pixel Playhouse: „Climate Change – The Musical“, 2017

Pixel Playhouse: „CLIMATE CHANGE – The Musical“, 2017, 49.000 Aufrufe

Musical-Comedy-Kanal

„My Granny in Miami
I hope she can swim“
„Take trains or use the bus…
Try eating less meat“


Max Raabe: „Fahrrad fahr´n“, 2018

Max Raabe: „Fahrrad fahr´n“, 2018, 1,5 Mio Aufrufe

„Aufs Auto kann ich pfeifen
Ich brauche nur zwei Reifen.“

Kein Klimasong, sondern die frohgemute Beschreibung des Fahrradfahrens, die so überzeugend daherkommt, dass man vorschlagsweise noch am gleichen Tag sein Auto annoncieren möchte.


Beastie Boys: „It Takes Time to Build“, 2004

Beastie Boys: „It Takes Time to Build“, 2004

„Stop building SUVs strung out on OPEC
Hold up, wait up you know we come correct“
„We’ve got a president we didn’t elect
The Kyoto treaty he decided to neglect.
It takes time to build
It takes a second to wreck it

Ein Song gegen (US-)SUVs und gegen einen US-Präsidenten, der nicht gewählt wurde (George W. Bush trat an, weil sich Al Gore nach einem verwickelten Auszählmarathon zurückzog), der – wie hier explizit im Song hervorgehoben wird – das 1997 verabschiedete zu dieser Zeit zenrale, von 191 Staaten ratifizierte Klimabkommen von Kyoto („Kyoto-Protokoll“) nicht ratifizieren ließ (vgl. BMU 2017).


TIL: „Krieg dein‘ Arsch hoch“, November 2019

TIL: „Krieg dein‘ Arsch hoch“, November 2019, 32.000 Aufrufe

Musikvideo mit Filmausschnitten von FFF-Demonstrationen.

„Am Ende musst Du jeden Zentimeter selber geh’n
Also wart‘ nicht auf den Tag
An dem ein Wunder geschieht…
Denn dieser Tag kommt nie… also:
Krieg Deinen…“

  • „Wir haben den Song zuerst bei den ,Fridays for Future’-Demos in ganz Deutschland gespielt. Die Aussage ,Krieg dein’ Arsch hoch’ kam in der Bewegung so gut an, dass wir uns dazu entschieden haben, den Song als Single zu veröffentlichen.“ (Sauerland Kurier 2019)

Apropos Konzerte bei Fridays For Future-Demonstrationen:

  • Am legendären 20. September 2019 haben z.B. in Hamburg u.a. Axel Bosse, Enno Bunger, Mal Élevé und MiA gespielt und am 29.11. des gleichen Jahres Deichkind.

Jack Johnson: „You Can’t Control it“, 2017

Jack Johnson: „You Can’t Control It“, 2017

„Understand one thing
If and when you drink
From this vast ocean
You can’t control it“

Jack Johnson ist US-amerikanischer Surfer, (Surf-)Filmregisseur und Singer-Songwriter. Er hatte auch schon drei Nr. 1-Alben in den USA bzw. in UK.


Ahoni: „4 Degrees“, 2015

Ahoni: „4 Degrees“, 2015, 1,7 Mio Aufrufe

„It’s only four degrees, it’s only four degrees“
„I wanna see this world, I wanna see it boil“
„I wanna hear the dogs crying for water
I wanna see fish go belly-up in the sea
All those lemurs and all those tiny creatures
I wanna see them burn, it’s only four degrees“
„I wanna burn the sky, I wanna burn the breeze
I wanna see the animals die in the trees“

Einer der krasseren Songs zum Thema Klimakrise/Massenaussterben: Hier kombiniert Ahoni die Klimaleugnung „It’s only four degrees“ mit den Folgen, die diese vier Grad Celsius mehr nach sich ziehen, die offensichtlich gewollt seie, wenn wir denn das Handeln der Menschen ernst nehmen, was wir unbedingt tun sollten, schließlich handelt es sich um vernunftbefähigte Wesen, die zum Mond fliegen können und noch so mancherlei anderes auf die Beine gestellt haben. Den Krieg gegen uns selbst sollten wir allerdings endlich, endlich unterlassen.

YouTube-Kommentar von Pisces&Trumpet:

  • „desperately beautiful. she is real artist and does what real artist does.“

Ahoni über „4 Degrees“

  • „Ich habe es satt, um die Menschheit zu trauern, und ich dachte auch, ich wäre nicht ganz ehrlich, indem ich so tat, als ob ich kein Teil des Problems wäre. 4 Degrees ist ein brutaler Versuch, mich selbst zur Rechenschaft zu ziehen, nicht nur meine Absichten aufzuwerten, sondern auch über die wahren Auswirkungen meines Verhaltens nachzudenken.“
  • Wow, das ist eine nicht von mir korrigierte Google-Translator-Translation von:

    „I have grown tired of grieving for humanity, and I also thought I was not being entirely honest by pretending that I am not a part of the problem. 4 Degrees is kind of a brutal attempt to hold myself accountable, not just valorize my intentions but also reflect on the true impact of my behaviors.“ (Ahoni in Rosa/Ricardo 2015)

„Vier Grad mehr im Jahre 2100“ bedeutet – wie es der Song vollkommen korrekt schildert – mit hoher Sicherheit nicht weniger als den Untergang der Zivilisation. Unsägliches, milliardenfaches Leid und Massenaussterben – auch der Menschen – sind dann Programm.

>> s.a. Fazit und Schlussgedanke zum Abschnitt 11 Milliarden Menschen des Handbuch Klimakrise, in dem es darum geht, dass die UN-Einschätzung, dass sich die Menschheit im Jahre 2100 bei etwa 11 Milliarden Menschen einpendeln wird (was viel ist, aber eben entgegen der landläufigen Annahme, das Bevölkerungswachstum nehme weiterhin immer weiter zu, eine gute Nachricht darstellt) nur eintrifft, wenn es zu keiner 4-Grad-Welt kommt. 4 Grad bedeutet in der Einschätzung einer Reihe von Wissenschaftler*innen vor allem eines: Extinction. [Runterscrollen!]

  • David Wallace-Wells hebt hervor, dass man davon ausgeht, „dass ein Temperaturanstieg von nur vier Grad die Ernteerträge um ganze 60 Prozent reduzieren könnte“ (2019, 262).

Konstantin Wecker: „Es gibt nichts Gutes“, 2011

Konstatin Wecker: „Es gibt nichts Gutes“, 2011

„wie man das Klima
der Erde rettet –
nun ganz bestimmt nicht, /
indem man jettet.

Bleib ruhigen Blutes,
sei guten Mutes.
Es gibt nichts Gutes,
außer man tut es.“

Konstantin Wecker:

  • „Erstaunlicherweise ruft es keinen Schrecken hervor, dass nur ein Prozent der Bevölkerung so viel besitzt wie der ganze Rest. Und dass wir dabei sein, die Erde und alles, was auf ihre kreucht und fleucht, zu vernichten. Das ist doch unglaublich, dass sich darüber niemand aufregt“ (Wecker in Mensch und Politk heute, 2018).

Faktencheck:

  • 22,1 Millionen Dollar-Millionäre besitzen etwa 103 Billionen US-Dollar.
  • 7,6 Milliarden Nicht-Millionäre besitzen etwa 103 Billionen US-Dollar. (vgl. Dieckmann 2019)

>> s.a. Konstantin Wecker in Rubrik „Statements und Aktionen“ betreffend „Offener Brief an Christian Lindner“.


Scilla Hess: „Youth Climate Anthem – Long Forgotten Road“, 2020, 19.000 Aufrufe, veröffentlicht auf dem YouTube-Kanal von Extinction Rebellion

Scilla Hess: „Youth Climate Anthem – Long Forgotten Road“, 2020

„We got to pick up the pieces
put them back together
it’s down to us
if we wanna make it better
And try to find our long forgotten road“

Ein weiteres Video, in welchem (globale) Fridays For Future-Demonstrationen der Aufhänger sind. Hinzu kommen eine Reihe von Sequenzen, wo Kinder die Zeilen von Scilla Hess singen bzw. ihre Lippen synchron zu Hess‘ Stimme bewegen.

Die vormalige Schweizer ESC-Teilnehmerin Scilla Hess über den von ihr mitverfassten Song:

  • „An anthem for the youth climate movements such as Fridays For Future, Extinction Rebellion, Eco Action Families, Youth4Climate, 35O.org and the Shawn Mendes Foundation, promoting the next day of Global Climate Action on September 25th and asking people to sign the international petition calling for ecocide law“ (Hess 2020).

The 1975 ft. Greta Thunberg: „The 1975“, 2019

The 1975 ft. Greta Thunberg: „The 1975“, 2019, 747.000 Aufrufe, Intro des 2020er Albums „Notes On A Conditional Form“

„We are right now in the beginning of a climate and ecological crisis, and we need to call it what it is—an emergency. We must acknowledge that we do not have the situation under control, and that we don’t have all the solutions yet; unless those solutions mean that we simply stop doing certain things. We must admit that we are losing this battle. We have to acknowledge that the older generations have failed. All political movements in their present form have failed, but Homo sapiens have not yet failed. Yes, we are failing, but there is still time to turn everything around. We can still fix this. We still have everything in our own hands, but unless we recognise the overall failures of our current systems, we most probably don’t stand a chance.

We  are facing a disaster of unspoken sufferings for enormous amounts of people, and now is not the time for speaking politely or focusing on what we can or cannot say. Now is the time to speak clearly. Solving the climate crisis is the greatest and most complex challenge that Homo sapiens have ever faced. The main solution, however, is so simple that even a small child can understand it: we have to stop our emissions of greenhouse gases, and either we do that, or we don’t. You say that nothing in life is black or white, but that is a lie—a very dangerous lie—either we prevent a 1.5 degree of warming, or we don’t; either we avoid setting off that irreversible chain reaction beyond human control, or we don’t; either we choose to go on as a civilisation, or we don’t—that is as black or white as it gets; because there are no grey areas when it comes to survival.

„The 1975“ (NOACF Version), 114.000 Aufrufe – This video was made entirely from clips hosted on The1975.com during the beginning of the ‘Notes On A Conditional Form’ promotional campaign.

Now  we all have a choice: we can create transformational action that will safeguard the living conditions for future generations, or we can continue with our business as usual and fail. That is up to you and me. And yes, we need a system change rather than individual change, but you cannot have one without the other. If you look through history, all the big changes in society have been started by people at the grassroots level—people like you and me. So, I ask you to please wake up and make the changes required possible. To do your best is no longer good enough. We must all do the seemingly impossible. Today, we use about 100 million barrels of oil every single day. There are no politics to change that; there are no rules to keep that oil in the ground. So, we can no longer save the world by playing by the rules, because the rules have to be changed—everything needs to change, and it has to start today. So, everyone out there, it is now time for civil disobedience. It is time to rebel.“

Danke, Greta Thunberg.

YouTube-Kommentar von Shanhatesyou:

  • „i saw this at the 1975 concert and people were completely silent and it was amazing because right after the speech was the loudest roar of cheers and it was definitely a moment to remember“

Übrigens gingen/gehen die Einnahmen dieses Videoclips an Extinction Rebellion.


Ich habe mich immer gefragt, welcher Mainstream-fähige Act in Deutschland der erste sein würde, der das Thema „Klimakrise/sechstes Massenaussterben“ medial unüberhörbar, nicht-ignorierbar in einem Song aufgreift…

8. März 2019: … and the winners are:

Die Ärzte: „Abschied“, 2019 – „vegetarische“ Version des Videoclips
Die Ärzte: „Abschied“, 2019 – „vegane“ Version des Videoclips

Die Ärzte: „Abschied“, 2019

„Los komm, wir sterben endlich aus
Denn das ist besser für die Welt.
Der letzte Drink, der geht aufs Haus
Unsere Stunden sind gezählt.“

Ein Videoclip muss teuer sein?

Die Ärzte beweisen das Gegenteil, in dem sie hier schlicht die Idee haben, eine vegetarische und eine vegane Variante ihres Videos zu drehen.

Von 2004 stammt das Ärzte-Lied „Deine Schuld“, 9 Mio Aufrufe

Die Ärzte: „Deine Schuld“, 2004

„Du musst nicht akzeptieren, was dir überhaupt nicht passt,
wenn du deinen Kopf nicht nur zum Tragen einer Mütze hast.
Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist,
es wär nur deine Schuld wenn sie so bleibt…
Weil jeder der die Welt nicht retten will, ihr Todesurteil unterschreibt.“

Weder auf Klima noch auf Biodiversitätsverlust wird explizit eingegangen im Text – dass die Welt indessen mit einem „Weiter so“ untergeht, daran wird kein Zweifel gelassen. Der ökologische Bezug wird hingegen deutlichst über das Video hergestellt, in dem eine „Ich tu nix, ich angel'“-Rückzugsszene in einem apokalyptischene Weltuntergangs-Katastrophenszenario endet, in dem sämtliche Fische des Sees, Bäume, Tiere, das Wasser und schließlich der Angler (Farin Urlaub) sowie alles von Menschenhand am See Gebaute in einen „Himmelswirbelsturm“ unter Aufhebung der Schwerkraft aufwärts gesogen wird.

>> Das Lied „Deine Schuld“ ist auch ein Beispiel für die Problematik, dass Lieder, deren Texte stark im Ungefähren bleiben, (besonders) anfällig sind für die unangemessene Nutzung in divergierenden politischen Kontexten.


Neil Young: „Who’s Gonna Stand Up?“, 2014 (Soloversion)

Neil Young: „Who’s Gonna Stand Up?“, 2014, 292.000 Aufrufe (Orchesterversion)

Who’s gonna stand up and save the Earth?
This all starts with you and me
.“

„End fossil fuel, draw the line
Before we build one more pipeline
End fracking now, let’s save the water
And build a life for our sons and daughters.“

„Young adressiert hier nach dem Prinzip ‚Freiwillige vor‘ seine Hörer, für die Umwelt einzutreten – und bezieht sich selbst ein“ (Kölsch 2019).


Love Song To The Earth, 2015

Paul McCartney/Allstars: „Love Song To The Earth“, 2015, 2 Videos, jeweils +635.000 Aufrufe

„Tomorrow’s in our hands now.“

„This is a love song to the Earth…
A diamond in the universe…
Keep it safe, keep it safe, keep it safe
Cause it’s our world, it’s our world.“

  • Mit Paul McCartney, Jon Bon Jovi, Sheryl Crow, Fergie, Colbie Caillat, Natasha Bedingfield, Sean Paul, Leona Lewis, Johnny Rzeznik, Krewella, Angelique Kidjo, Nicole Scherzinger, Kelsea Ballerini, Christina Grimmmie, Victoria Justice, Q’orianka Kilcher

Ein Musikstück bzw. Projekt, dass im Vorfeld der Pariser Klimakonferenz lanciert wurde. Selbstanspruch: „A song with the power to fight climate change and maybe even change the world.“ Das hat nicht ganz funktioniert.

Dazu YouTube-User „TommyMG96“ in den Kommentaren: „Why doesn’t this have millions of views yet?“ – und wirft damit letztlich ein weiteres Mal die Frage auf „Where Are All The Climate Songs?“

  • Versuch einer Antwort: Einerseits ein schöner Song, andererseits bleibt bei mir das Gefühl eines „Auftragswerkes“ vom Reißbrett – was auch für das eher routinierte Video gilt.
… und die Videoclip-Version mit den Protagonst*innen; m.E. ein skandalös uninspiriertes Video.

Die dazugehörige Website http://lovesongtotheearth.org/ führt weiter, was das Hochglanz-Video begonnen hat: Alles ist kantenlos, die Musiker*innen sind mit perfekten (unnahbaren) Promofotos. Man kann in der Rubrik „Take Action“ seinen Namen auf eine Art „Bekenntnisliste zum Song“ setzen – wunderbar, dann habe ich meinen Beitrag ja bereits geleistet? Selbstverständlich – und zu selbstverständlich um das zu betonen, was hier so ausufernd betont wird, ist, dass die Tantiemen – „every penny“ – gespendet werden. Konkret an Friends of the Earth (in Deutschland = BUND) und an die Stiftung UN Foundation, die die Arbeit der UN fördert.

Der Song hat es in der taz – in dem Jahr, in dem er erschien – auf der „Hitliste der schlimmsten Umweltsongs“ auf Platz 1 geschafft:

  • „Schadet dem Klima, weil: sich hier lieblos aus dem Baukasten für Charthits bedient wurde. Zudem haben Zeilen wie „Heaven’s poetry to us“ aus dem Mund von Party-Rapper Sean Paul ein echtes Glaubwürdigkeitsproblem“ (Stöckel 2015).

Bruce Berger: „Alle Kinder dieser Erde“, 2009

Bruce Berger: „Alle Kinder dieser Erde“, 2009 – aus dem Film Männerherzen, 2,1 Mio Aufrufe

„Wir erwärmen unser Klima
und die Tiere sterben aus.
Das ist wirklich nicht so prima.
Misch dich ein! Halt dich nicht raus!“

Ein Parodie. Dies wird so sehr betont in Musikdarbietung und Filmausschnitt, dass es fast schon eine parodierte Parodie ist.

Der gelungendste Teil ist m.E. das Finale, als er nur noch „hu“ singt.

  • Interessanterweise sind die meisten Kommentare bei YouTube auf englisch – weil der Bruce Berger verkörpernde Schauspieler Justus von Dohnányi in Der Untergang (2004) die Rolle des General Wilhelm Burgdorf spielt.

    Einen der Kommentare habe ich mir herausgegriffen:

    „This is too amazing! A german masterpiece of humor.“ (DonAlejandro Draper)

Mark Forster: „194 Länder“ und „747“, beide 2019

Mark Forster erklärt uns im Jahre 2019 in dem Song „194 Länder“ seinen CO2-Abdruck, sei er (oder sein lyrisches Ich) doch in LA, Marseille, Uganda, Dublin, Florenz, Polen, Manhattan und auf dem Camino Francés (Jakobsweg) in Spanien gewesen – und dass er doch das Leben auszukosten erachte, in wirklich jedes einzelne der 194 Länder in seinem Leben gereist sein zu wollen. Das Ganze mündet aber in der Aussage, dass sein Kopf nur bei seine, „Baby“ sei, was eher lustig ist, weil das eine Schlager-Vokabel der Peter Kraus und Conny Froboess Ära der 1960er ist.

Gewissermaßen – und das erscheint mir hier das Entscheidende zu sein, bringt Forster einen persönlichen Konflikt zwischen Nähe und Angrenzung, zwischen Bindung und Fernweh auf den Punkt, der heute mehr denn je zum Psychogramm sehr vieler Menschen gehört.

Mark Forster: „747“, 2019

Interessant ist jedenfalls, dass Forster seinem „Baby“ auch in dem im gleichen Zeitraum erschienenen Song „747“ erklärt, er (bzw. sein lyrisches Ich) müsse „vor die Tür“ – und damit meint er keineswegs den Kiosk nebenan, sondern dass er „in Kreisen“ wie eine (Boing) „747“ abheben und „Dreißigtausend Fuß und höher“ und „durch die Wolken“ „fliegen, fliegen, fliegen“ müsse. (Die dazugehörigen Reiseziele haben wir bereits über „194 Länder“ kennengelernt. Das angesungene „Baby“ soll offensichtlich (wie selbstverständlich und ähnlich wie in „194 Länder“) auf ihn warten, es (also „Baby“) sei angekündigtermaßen der letzte Stopp.

Im dazugehörigen Videoclip sind die Rollen scheinbar vertauscht – und eine Frau ist es, die am Tresen eines Flughafen-Check-in steht, um in ‚Kreisen zu fliegen‘. Auf der Video-Ebene bleibt also das Fliegen keineswegs eine Allegorie.

Nun, ich finde es schon eher mutig, im Jahre 2019 für die Zielgruppe der klimabewussten Kids von Fridays for Future diesen Song zu veröffentlichen – aber vermutlich bin ich hier zu streng.

Auf jeden Fall verkörpern beide Songs gemeinsam und zusammengenommen hintergründig den Konflikt zwischen CO2-intensivem Weltenbummler-Hedonismus und dem hyggeligen „Bei sich ganz zu Hause sein“ – was man durchaus als Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Zeitgeist begreifen darf.

Das rund 3,8 Mio Mal aufgerufene Video ist offensichtlich in Thailand gedreht, zumindest lautet die Angabe auf der Website des Produzenten des Videos, Kim Frank, zum zentralen Drehort: „Dach Performance Bangkok“. Das bedeutet, dass in diesem Videoclip – in krassen Unterschied zum Ärzte-„Abschied“-Clip (s.o.) – eine Menge CO2 steckt. Damit steht Forster nicht allein – ich denke

  • an die CO2-unsägliche Tradition des Privatfernsehens große Teile von DSDS oder auch GNTM Interkontinentalflüge entfernt vor „exotischer Kulisse“ an „Traumstränden“ produzieren zu lassen, aber auch
  • an diverse HipHop-Videos, die einen materialistischen Lebenstil zur Schau stellen, der mit den Realitäten dieser Welt nichts zu tun hat und doch eine vorrangig junge Zielgruppe prägt.

Dass der sich progressiv gebende Forster und sein Label einen Thailland-Videoclip 2019 noch durchgewunken haben, ist m.E. als instinktlos zu werten.


Alligatoah: „Lass liegen“, 2015

Alligatoah: „Lass liegen“, 2015, 20,9 Mio Aufrufe

„Ich steppe in den Wald und lasse liegen, was mir aus der Hose plumpst
‚Ne Packung Bifi, Batterien und Plutonium… was
Einmal den Boden berührt hat, ist bedeutungslos und stinkt
Ich lass‘ es lieber liegen, lieber neue Waren statt verwahren…
Wie ein Boom-, Boom-, Boom-, Boomerang
Ruf‘ ich in den Wald aber vergess‘, dass der auch rufen kann“

Video: Ein Mann zieht durch die Straßen, am Strand entlang durch die Straßen, aus seinem langen Momo-Mantel fallen abertausende Dinge (die er liegen lässt), sozusagen sein ökologischer Fußabdruck – verheerend. Bei den Boomerang-Zeilen offenbart sich hinter ihm eine ökologische Apokalypse in Form von einer ganzen Ansammlung von Fabrikschloten… eindrucksvolles Video und ein absurder Text, der keineswegs logisch daher kommt, aber nichts an Deutlichkeit vermissen lässt.


Thomas D: „Gebet an den Planet 11.0“, 2001

Thomas D: „Gebet an den Planet 11.0“, 2001, 460.000 Aufrufe seit 2011

„Es tut mir leid Natur
Denn deine Erben erheben sich gegen dich
Und erledigen dich
Du warst vollkommen in Vielfalt
Mit allem im Einklang
Bis der Mensch mit Gewalt in dich eindrang…

Um die Tests
Dieser Zeit zu bestehn
Und um weiter zu gehn
Muss hier jeder sein Ego in Demut zurücknehmen“

Thomas D verleiht hier – stellvertretend und gleichsam anwaltlich – den insbesondere durch industrielle Tierproduktion leidenden Tieren dieser Welt seine Stimme.

Thorsten Philipp macht eine spannende Beobachtung:

  • „Mit der eigenwilligen Ausrichtung seines ‚Gebets‘ gleichermaßen an wie für den Planeten legt … [Thomas D] ein Natur- und Menschenbild nahe, das die Grunderfahrung der Einheit und des Einsseins postuliert und auch sonst motivisch über weite Strecken an die Wahrnehmung von Natur als Gaia erinnert, wie sie James Lovelock (1996) als heilsame Theorie zur Einordnung des Menschen in das kosmische Geschehen durchbuchstabierte“ (2018, 324).

>> s.a. Thomas D setzt sich für Initiative „Just diggit“ ein, in Rubrik „Statements und Aktionen“.


Miley Cyrus/Hannah Montana: „Wake Up America“, 2008

Miley Cyrus/Hannah Montana: „Wake Up America“, 2008, 105.000 Aufrufe seit 2018

>> … im Nachgang zum Live-Earth-Zeitgeist (vgl. Abschnitt „Klimakrisenmusik. Ein Essay.“)

„Oh, the earth is calling out
I wanna learn what it’s all about
But everything I read’s
‚Global warming‘, ‚going green‘
I don’t know what all this means
But it seems to be saying
Wake up, America
We’re all in this together
It’s our home so let’s take care of it
.“

Wenn Miley gewillt ist, sich über den Klimawandel zu informieren, wird ihr „America“ folgen?

  • „Hier wird auf Klimakrise und Erderwärmung eingeschlagen – und zwar mit der Moralapostel-Keule. Problem: Songs, die vor moralischen Botschaften und Weltrettungs-Appellen nur so triefen, schrecken Leute eher ab, als dass sie sie für die gute Sache begeistern“ (Meyen 2020).

Sparks: Please Don’t Fuck Up My World“, 2019

Sparks: Please Don’t Fuck Up My World“, 2019, 88.000 Aufrufe

„Please don’t fuck up my world
I need something to live for
Rivers, mountains, and seas
No one knows what they’re there for
Still, it’s easy to see
That they’re things to be cared for“

Karl Fluch nennt im Standard den Song eine „Bekehrungsballade“ (2020), der auf einer deskriptiven Ebene bleibt. Aus meiner Sicht ist es eine merkwürdig ratlose Bitte an die Mitwelt oder einen sonstigen im diffusen verbleibenden Adressaten.


Culcha Candela: „Schöne Neue Welt“, 2009

Culcha Candela: „Schöne Neue Welt“, 2009

„Die Welt geht unter, doch bei uns ist Party, Halli-Galli
Alles im Eimer, doch wir hüpfen wie bei Dalli-Dalli
Jeder sagt, das Klima ist ’ne Riesenkatastrophe
Doch bald brauchen wir nur noch Bikini und ’ne Badehose
Ich will mehr Fastfood fressen, wer braucht schon Regenwald?
Solang mein Konto voll is‘ und für mich noch Luft zum Leben bleibt…
Wir feiern, bis alles zerfällt!“

Eine mutmaßlich allzu wahre Beschreibung der Seelenlage vieler Menschen, für die die Klimakrise in erster Linie ein kurzfristigen links-rein-recht-raus-Störfaktor beim globalen Hedonismus-Abfeiern darstellt.

Frei assoziiert:

Der Volkswirt und Umweltökonom Niko Paech erwähnt in seinem Buch Befreiung vom Überfluss, dass allwochenendlich 10.000 Menschen – das sog. „entgrenzte Easyjet-Weltbürgertum“ (Paech 2012, 52) – aus der ganzen Welt in Berlin einfliegen. Paech führt fort:

  • „Und warum? Nur weil hier ein vermeintlich besserer DJ auflegt als in Madrid, Tel Aviv, New York, Stockholm oder von wo aus sich die hedonistische Internationale gerade auf den Weg begibt.“

>> s.a. Handbuch Klimakrise Thema „Flugverkehr“


K.I.Z. ft. Henning May: „Hurra die Welt geht unter“, 2015

K.I.Z. ft. Henning May: „Hurra die Welt geht unter“, 2015

„Und wir singen im Atomschutzbunker
Hurra, diese Welt geht unter!
Auf den Trümmern das Paradies“

Kein Klimasong im eigentlichen Sinne, aber ein dystopisches Lied, dass oft auf Fridays for Future-Demos zu hören ist: Ein Lied, dass den bestehenden Verhältnissen – rund um die Stichwörter „Deutsche Bank“ „Deutschlandfahne“, „McDonalds“, „Nestlé“, „Goldbarren“ etc. – keine Träne nachweint.


Conny: „Schäm Dich“, 2020, 72.000 Aufrufe

Conny: „Schäm Dich“, 2020

„3 Wochen Bali im September…
Und nochmal 2 Wochen Malle im Dezember…
Ich habs mir verdient, ich habs mir verdient
Ich zahle doch auch Steuern auf das Kerosin (Moment, Moment)
Ich zahl keine Steuern auf das Kerosin?
Dann liegt das aber an der Politik, oder niicht?“

Begründung für Fernreise:
„Meine Tochter hat ein‘ Instagram-Kanal
Und da muss Content… aber guter drauf
So baut man sich heutzutage eine Zukunft auf“

Rap-Song mit Samples mit kurzen Ausschnitten von Reden von Greta Thunberg.

In „Schäm dich“ trägt Conny bzw. sein lyrisches Ich einen inneren Konflikt per Rap aus, inwieweit er sich angesichts von Greta Thunbergs Statements – die ja nur auf den Punkt bringen, was Stand der Wissenschaft ist – zu schämen hat. Dazu greift er typische und teilweise höchst absurde Ausreden vor, s.o. – Ergebnis: Das lyrische Ich schämt sich nicht. Der Songtitel lautet jedoch: Schäm Dich.


Lulu & die Einhornfarm: „Gute Arbeit“, 2019

Lulu & die Einhornfarm: „Gute Arbeit“, 2019, 12.000 Aufrufe

„Ja ja jetzt wird wieder in die Hände gespuckt
Und in ein paar Jahren ist alles kaputt
Ja ja jetzt wird wieder auf alle gekackt
Wir geben nen Fick auf den Klimapackt…
Gute Arbeit – und bald sind wir tot“

Fantasievoll. Anders. Punk im Geiste der NDW, der die Widersprüche unserer Zeit benennt: „Kinderarbeit… was soll ich machen? Ich will neue Nikes!“

Der Videoclip beginnt mit kollabierenden Eisbergen und plastikgetränkten Unterwasseraufnahmen.

Mit einem wichtigen und spannenden Zitat aus „Bruttosozialprodukt“ von Geier Sturzflug (1978/1982).


Quellen des Abschnitts „Klimakrisen-Songs“