Soundtracks

… von Klimakrisen- und Biodiversitäts-Dokus, aber auch Katastrophenfilmen wie z.B. „The Day After Tomorrow“ von Roland Emmerich, 2004 (Musik: Harald Kloser, Thomas Wander).


Koyaanisqatsi, 1982, Experimentalfilm, Soundtrack: Philip Glass

Koyaanisqatsi, 1982, Trailer

Allen voran der Klassiker Koyaanisqatsi [ˈkɔɪjɑːnɪsˌkatsi, „Life Out Of Balance“], ein 82-minütiger Kinofilm, der den anthropogenen Eingriff in die Natur mit eindrucksvollen Bildern in Form von Zeitraffer- und Zeitlupen-Montagen nachzeichnet, dabei ohne Worte und Protagonist*innen auskommt und daher akustisch gesehen vollständig auf der intensiven Atmosphäre des Minimal Music-Soundtracks von Philip Glass, 1982, basiert (auf YouTube vollständig und frei verfügbar).

Der Film bildet den ersten Teil der sog. Qatsi-Trilogie, deren weitere Teile Powaqqatsi (1988) und Naqoyqatsi (2002) heißen und ebenfalls auf der Musik Glass‘ fußen. Im Grunde genommen eine Verfilmung des Stoffes von „Die Grenzen des Wachstums“ von 1972.

Für Freundinnen und Freunde dieses Soundtracks: Eine vollständige Midi-Visualisierung der Glass-Komposition

>> Der Film „Home“ von Yann Arthus Bertrand (2009) knüpft inhaltlich-ästhetisch an die Qatsi-Filme an, mit dem wichtigen Unterschied, dass hier fast die ganze Zeit aus dem Off kommentiert wird und der Soundtrack weitaus weniger signifikant ist bzw. weniger Gewicht hat (s. frei verfügbare „extended versions“: https://youtu.be/NQzLNqrdizE (deutsch) und https://youtu.be/ghkQoJoipbM (englisch). Eine gute Frage ist, warum die deutsche Version einen etwas autoritär daherkommenden männlichen Off-Sprecher hat, wo doch das Original von einer eher sachlich-freundlichen Frau gesprochen wird? Was wollen uns die Produzent*innen der für den deutschen Markt bestimmten Version damit sagen?


Frederika Stahl: Soundtrack zu „Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen“ (Trailer)

Tomorrow – die Welt ist voller Lösungen, 2015, Kino-Doku, Musik: Frederika Stahl

Tomorrow ist eine Kino-Doku, die sich nicht lange mit der Beschreibung des Mitweltdesasters aufhält, sondern schon Beispiele schon jetzt bestehender Lösungen aufzeigt, sodass deutlich wird, dass einige gezielte Eingriffe in das bestehende System die Menschheit massiv voranbringen würden. Zwischen dem einzelnen Themenblöcken erklingt die entspannt-intensive, lebensbejahende Musik von Frederika Stahl, die in ihrer Verspieltheit und Offenheit auf ihre Weise verdeutlicht, dass es in diesem Leben um anderes geht als Geld, Gier und Macht.

s.a. https://www.tomorrow-derfilm.de/


Abspann des Films „Chasing Ice“ (2013) mit dem prophetischen Songtext-Zeile „Just a taste of things to come“, gesungen von Scarlett Johannson

Chasing Ice, Kino-Doku zum Verschwinden des Polareises mittels Zeitraffer-Aufnahmen, 2012.

Am Ende des Filmes und im Abspann zieht Scarlett Johannson (singend aus dem Off) mit dem Titel „Before my Time“ mit der Kernzeile „Just a taste of things to come” das prophetische Fazit des Films.

Der Film dokumentiert die Arbeit des Geowissenschaftlers und Naturfotografen James Balog. Für sein Projekt „Extreme Ice Survey“ stellte Balog an den widrigsten Stellen des Nordpolarkreises Fotokameras auf, die dann (wenn die Technik nicht versagte) in bestimmten Abständen Fotos von der immer gleichen Landschaft aufnahmen, die dann einem Daumenkino gleich zusammengeschnitten das zeigten, was man mit bloßem Auge normalerweise nicht erkennt: Den massiven Gletscherschwund bzw. den Rückzug des Polareises.

Chasing Ice, 2012
  • „…Nie wurden die Konsequenzen der Erderwärmung so künstlerisch und verstörend zugleich in Szene gesetzt. […] Orlowski hat mit Chasing Ice eine wissenschaftliche Dokumentation gedreht, die nie laut anklagt. Vor allem Forscher, James Balog und dessen Team kommen zu Wort. Die Fakten sind wie sie sind, die Fotos im Zeitraffer lügen nicht. […] Balogs Botschaft ist deutlich: Wir wissen, was dort draußen passiert“ (Stockrahm 2013).

Thematisch passt hierzu sehr schön das Buch „Wasser und Zeit: Eine Geschichte unserer Zukunft“ (2020) von Andri Snaer Magnason, in dem er basierend auf der Geschichte seiner eigenen Familie über seine ganzheitliche (aber weitgehend unesoterische) Perspektive der Klimakrise schreibt – und das deutlich macht, was inmitten rationaler Zahlen, Tabellen und Grafiken meist auf der Strecke bleibt: Das Wunder der Oase „Erde“, das wir zu bewahren haben.


Before the Flood, Kino-Doku zur Klimakrise von Fisher Stevens mit Leonardo DiCaprio, 2016, Soundtrack: Trent Raznor u.a.

„Before The Flood“, 2016, Soundtrack u.a. von Trent Raznor, komplett und frei auf YouTube verfügbar.

Die Doku begleitet Leonardo DiCaprio auf einer Reise um die Welt zu klimakritischen Orten wie dem Grönlandische Eisschild, dem unter dem Meeresspiegel gelegene Miami Beach, zu den Abbaugebieten von Ölsanden („Tarsand“) in Kanada und den Palmplantagen in Sumatra. Dabei trifft er dabei führende Politiker*innen und Wissenschaftler*innen, darunter Ban Ki-moon, Barack Obama, Sunita Narain, Pier Sellers sowie Papst Franziskus. Der Film beginnt mit einer Beschreibung des Triptychons „Der Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch – und endet mit der Rede des UN-Friedensbotschafters DiCaprio auf der Klimakonferenz in Paris 2015.

Hieronymus Bosch, Museo del Prado, click, um es in groß zu sehen

Der Soundtrack wird verantwortet von dem Hauptsongwriter von Nine Inch Nails, Trent Raznor. Tatsächlich entstand er als Gemeinschaftsprojekt einer ganzen Reihe von Musiker*innen wie Trent Reznor und Atticus Ross, der Band Mogwai und Gustavo Santaolalla, die ihre musikalischen Ideen nach einer ersten Etappe austauschten und dann wechselseitig weiterentwickelten (vgl. wikipedia 2019).


Immer noch eine unbequeme Wahrheit – Unsere Zeit läuft (Originaltitel: An Inconvenient Sequel: Truth to Power), Film-Doku von Al Gore, 2017

Trailer zu „An Inconvenient Sequel: Truth to Power“, 2017

Analog zu Before The Flood nutzt auch die zweite Doku von Al Gore prominente Unterstützung, in diesem Fall von One Republic, die den Closing Title mit eben jener motivierenden Kern-/Refrainzeile „Truth To Power“ singen – mit einem entsprechenden Musikvideoclip untermalt. (Zuvor hatte Melissa Etheridge ähnliches für den ersten, 2006er Gore-Film mit “I Need To Wake Up“ unternommen).

  • One Republic „truth To Power“-Lyrics:

    „I’ve seen minutes turn to hours
    Hours turn to years
    And I’ve seen truth turn to power“
One Republic – Truth To Power (Lyric Video).

Hervozuheben sind a) Min 0:24, wo man sieht, mit welcher archaischen Gewalt das Wasser aus den Wolken eines Hurricanes auf die Erde schmettert und b) Min 0:52, wo man zwei Menschen aus dem Wasser emporschießen sieht. Warum? Das sieht man nur im Film: Der Mann war zuvor ins Wasser gesprungen um eine Frau zu retten, die unter Wasser in ihrem Auto eingesperrt war.


The Day After Tomorrow, [„Übermorgen“], 2004, von Roland Emmerich, Soundtrack: Harald Kloser, Thomas Wander

„The Day After Tomorrow“, 2004, Soundtrack: Harald Kloser, Thomas Wander

Kommentare unter dem enstprechenden YouTube-Video:

  • „If Climate Change had an official theme. I think this would be a perfect fit.“ (Dwaynek Media)
  • „Sounds like a requiem for the planet, and the use of the ticking clock in the background is genius.“ (Fleur Elise)

Amazônia, 2021, multimediale Fotoausstellung von Sebastião Salgado mit 52-minütigem Soundtrack: Jean-Michel Jarre

Amazônia, 2021, Soundtrack: Jean-Michel Jarre. Veröffentlicht in Stereo, 5.1 und binaural.

200 Fotografien und andere Medien sind seit April 2021 in der Philharmonic Paris ausgestellt und werden nachfolgend in Form einer Wanderausstellung weltweit zu sehen sein.

Die Ausstellung ist das Ergebnis einer sechsjährigen Reise des braislianischen Fotografen und Umweltaktivisten Sebastião Salgado. (Wim Wenders hat ihn 2014 mittels des Films „Das Salz der Erde“ porträtiert.)

  • Jean-Michel Jarre:
    „I wanted to avoid the ethnomusicological approach, or creating background music. So I conceived a sort of toolbox containing musical elements – orchestral and electronic – intended to recreate or evoke the timbre of natural sounds, to which I added sounds from the environment, and finally ethnic sources (voices, songs, and instruments) from the sound archives of the Ethnography Museum of Geneva (MEG)“ (2021).
  • „Die große Gefahr, sich weltmusikalischem Kitsch hinzugeben, umschifft Jarre, indem er sich mit Wissenschaftlern des Ethnografischen Museums in Genf zusammensetzte. Seine Vision des Amazonas‘ klingt in erster Linie wie ein unfassbar schön dahin fließendes Ambient-Album, in dem nur dezent sanfte Beats erklingen“ (Cordas 2021).
Très charmant: … mal eine etwas andere Rezension

Nun, wer Jarres virtuellen und, pardon, m.E. penetranten Notre-Dame-Four-to-the-Floor-I-Do-it-always-and-once-more-Auftritt am 31.12.2020 gesehen hat, wird hier überrascht, wie sehr sich Jarre zurücknimmt und sich in den Dienst der Sache stellt.

„[D]ie Bedrohung des Biotops durch den Menschen bildet er nicht ab“, hebt Cordas in seiner Rezension hervor. Das braucht Jarre nicht. Die Bilder Salgados und die Fragilität des Soundtracks sorgen schon ausreichend dafür. Ästhetische Doppelung unerwünscht. Jarre vertont etwas überaus Erhaltenswertes.

Auch für Musikwissenschaftler*innen ist dieses Album insbesondere deshalb interessant, beinhaltet der Soundtrack doch „etwa vierzig Klangquellen, die zwischen den 1960er Jahren und 2019 an verschiedenen Orten im Amazonasgebiet aufgenommen wurden“ (Amazonia, 2021). Diese sind im Museum für Völkerkunde in Genf (MEG) archiviert. „Zusätzlich zu diesen Dokumenten gibt es weitere unveröffentloichte Aufnahmen aus den persönlichen Archiven von vier musikethnologischen Forschern“ (ebd.). Anders ausgedrückt, werden hier in umfassender Weise authentische (und teilweise bisher unveröffentlichte) Feldforschungs-Musik-/Stimmen/Soundscape-Aufnahmen in die Komposition eingesponnen.


Quellen des Abschnitts „Soundtracks“: