Umweltsongs (Klassiker)

…. zeitlich angesiedelt vor dem Jahr 2000.

In dieser Rubrik fällt den meisten Menschen, die ich befrage, gewöhnlich zunächst Michael Jacksons „Earth Song“ ein:

Michael Jackson: „Earth Song“, 1995, seit 2009: 308,5 Mio Aufrufe, als Single Platz 1 in sieben Musikmärkten, Teil des mit rund 40 Mio US-$ beworbenen HIStory-Albums, dass international über 20 Mio Mal verkauft wurde, womit es Rekordhalter für ein Doppelalbum ist (vgl. wikipedia 2021).

Michael Jackson: „Earth Song“, 1996

„What about the seas? (What about us?)
The heavens are falling down…
What about nature’s worth?…
It’s our planet’s womb [=Gebärmutter]…
What about animals?…
What about elephants?…
What about forest trails?…
Burnt despite our please…“

Im gewohnt opulent produzierten Videoclip sehen wir zunächst eine intakte Urwaldlandschaft. Die Rodung beginnt mit den ersten Tönen des perlenden Klaviermotivs – mit dem Stimmeinsatz Jacksons sehen wir ihn durch ein bis zum Horizont gerade abgebrannten noch mit Feuernestern versehenen (virtuellen) vormaligen Regenwald. Angesichts dieser Katastrophe beginnt Jackson nachfolgend vor allem Fragen zu stellen, wobei er hierbei stellvertretend für seine Zuhörer*innen, die er hinter sich zu wissen glaubt, sich diffus an die Verantwortlichen dieser Welt richtet. Er adressiert dabei die Nöte von Tieren und allgemeiner der Natur und verbindet diese stets und immer wieder mit der Frage „What about us?“. So entsteht das m.E. wirkungsvolle Bild, dass wir Menschen nur im Verbund mit der Natur auf diesem Planeten existieren können. Seine Strophen münden in die Frage „Did you ever stop to notice…? und fordert Zuhörer*in und die eigentlichen, unscharf angesprochenen Adressat*innen, die Machthaber*innen, auf, sich darauf zu besinnen, aufzuhören „to stop to notice“. Im Videoclip sehen wir gemäß des Jackson-Anspruchs „Heal The World“ Zerstörung, die – so mag man interpretieren – durch Michael Jacksons hymnischen auf „Uuh-a“ gesungenen Refrain, geheilt wird, sodass (wenn wir uns alle besinnen) ein für Mensch, Tier und Pflanze – für die gesamte Biosphäre – besseres Leben möglich ist. Jackson gibt sich gleichermaßen hilflos, kämpferisch, verkörpert durch die Schnitte die Not von offensichtlich in Afrika (und in osteureopäischen Kriegsgebieten?) lebenden/leidenden Menschen. In der musikalischen Apotheose, in der musikalischen Call- and Response-Soul-Übersteigerung des Schlussteils kommt von Jacksons gesanglichem Einsatz entfachter, massiver Sturm auf, in dem sich alle mühsam festhalten und – ja, wie soll man es anders ausdrücken: Die Erde geheilt wird, der Elefant aufersteht, der abgesägte Baum wieder auf seine Wurzeln kommt etc.

Ein an sich groteskes Märchen, an das man wohl gerne – auch ich – am liebsten glauben würde.

Jetzt, beim Wiederhören/-sehen nach vielen Jahren (in denen ich selbst auch älter/reifer geworden bin), stört mich dabei vor allem die (z.B. auch aus dem Film Moonwalker (1988) hinreichend bekannte) massive und gleichermaßen massiv inszenierte Überhöhung des Egos.

Ferdinand Meyen stellt die Frage nach gutem Klimas-Songwriting“ und bemerkt:

  • „Bei Liedern wie dem „Earth Song“ von Michael Jackson kommen einem Schreckensbilder von vorweihnachtliche Schulfesten in Dreifach-Turnhallen oder dem Hippie-Onkel mit Akustik-Gitarre aus dem Pfadfindercamp in den Kopf“ (2020).

Was bleibt ist gleichwohl alles in allem einer der wirkungsmächtigsten Umweltsongs aller Zeiten – weil er die Anliegen der Natur mit einem guten Leben für alle Menschen zusammenbringt.

PS: Der Musikpsychologe Nicholas Ruth hat herausgefunden, dass nach dem Abspielen einer „prosoziale[n] Playliste[, die aus dem „Earth Song“ und P!inks „Dear Mr. President“ bestand]… 38 statt 18 Prozent der Gäste das teurere, prosoziale Produkt [bestellten]. Der Psychologe selbst warnt aber davor, vom einmaligen Hören des „Earth Song“ eine Art Umkehr zu erwarten. ‚Davon allein wird doch niemand zur Umweltschützer:in'“ (Schrader 2021).

>> Ein moderne Version dieses Ansatzes siehe Aurora: „The Seed“, 2019 in Abschnitt „Klimakrisen-Songs“


Joni Mitchell: „Big Yellow Taxi“, 1970, live 1970 – Studioaufnahme 1970 siehe https://youtu.be/94bdMSCdw20, TV-live-Performance siehe https://youtu.be/GFB-d-8_bvY?t=46 (Abrufdatum jeweils 23.6.2021)

Joni Mitchell: „Big Yellow Taxi“, 1970

„They took all the trees
And put them in a tree museum…
„Don’t it always seem to go
That you don’t know what you’ve got
Till it’s gone
They paved paradise [zupflastern]
And put up a parking lot.“

„Hey farmer, farmer, put away your DDT.“

Joni Mitchell, 1996, über den Song:

  • In meinem Hotel in Hawaii schaute „ich hinunter und da war ein Parkplatz, so weit das Auge reichte, und es brach mir das Herz… dieser Schandfleck im Paradies“ (wikipedia 2021c)

Die Zeile „“Hey farmer, farmer, put away your DDT“ ist auch im Lichte des 1962 erschienenen und sehr bekannten Buches von Rachel Carson The Silent Spring (dt. Der stumme Frühling) zu sehen, einer Öko-Pioniertat.

Mit über 500 Coverversion ist „Big Yellow Taxi“ einer der besonders viel gecoverten Songs der Popgeschichte und darf getrost als Evergreen (!) gelten.

Philipp hebt indes hervor, dass Mitchell trotz des enormen Erfolges des Songs „niemals zu einem spezifischen Aushängeschild oder Schlüsseltext der Umweltbewegung avancierte“ und sieht „die auffällig häufige Verwendung ihres Hits … [als einen] Beleg dafür, dass sich eine umweltpolitische Beobachtung bruchlos in Formen des Kommerzes und der Konsumkultur einschrieb, ohne eine erkennbare ökologische Wirkungsgeschichte zu schreiben“ (2018, 320): Kapitalismus integriert Gegenbewegungen und schlachtet sie aus, das kennen wir aus diversen Zusammenhängen. Vielleicht setzen wir hier aber auch schlicht den Anspruch zu hoch an einen einzelnen Song?

Offensichtlich teilten Joni Mitchell und Alexandra im Zeitgeist der 1960er solche Naturverlusterfahrungen , diesen an sich „banalen Grundvorgang der Modernisierung und Stadtentwicklung: der Umwandlung von Natur- in Gewerbefläche“ (Philipp 2018, 319).


Alexandra: „Mein Freund, der Baum“, 1968

Alexandra: „Mein Freund, der Baum“, 1968

„Ich fühlte mich [in Kindertagen] bei dir geborgen
Und aller Kummer flog davon…

Mein Freund der Baum ist tot
Er fiel im frühen Morgenrot


Bald wächst ein Haus aus Glas und Stein
Dort wo man ihn hat abgeschlagen
Bald werden graue Mauern ragen“

„‚Mein Freund, der Baum‘ ist, wenn man so will, eine Art Proto-Öko-Song. Erschienen 1968, noch viele Jahre, bevor die ‚Grünen‘ im deutschen Bundestag für Umweltthemen eintraten, legt Alexandra in der allegorischen Freundschaft zu ‚ihrem‘ Baum [in diesem wunderschön arrangierten Chanson] ihre Umweltbotschaft dar“ bringt es der Musikexpress-Redakteur Florian Kölsch auf den Punkt.


Gänsehaut: „Karl der Käfer“, 1984, 2,3 Mio Aufrufe seit 2012

„Karl, der Käfer wurde nicht gefragt
Man hatte ihn einfach fortgejagt“

„Dort, wo Karl einmal Zuhause war
Fahr’n jetzt Käfer aus Blech und Stahl“

Selten, dass sich Musiker*innen zu Anwält*innen von Käfern und Blumen machen… Der Refrain wird akustisch von einem dezenten Chor begleitet, der – so darf man interpretieren – uns Zuhörer*innen repräsentiert, die wir diese ohrwurmige Melodie samt Botschaft (implizit gegen das damals hitzig diskutierte und zutreffende Waldsterben) mitsingen sollen. Um ganz sicher zu gehen, dass wir es auch wirklich ALLE verstanden haben, wird der kurze Refrain-Zweizeiler wird stetig wiederholt-wiederholt. Tod-traurig.

Ist eigentlich jemals jemandem außer mir aufgefallen, dass dies faktisch die Vertonung des 1972 veröffentlichten Kinderbilderbuch-Klassikers „Der Maulwurf Graboski“ von Luis Murschetz (*1936) ist? Denn dort kamen in seine „wie behaglich, wie geruhsam“-Welt eines Tages „fremde Männer auf die Wiese und begannen mit Messinstrumenten das Land zu vermessen…, denn hier sollten Hochhäuser mit Tiefgaragen entstehen“. Grabowski findet (vorübergehend?) eine neue Wiese „mit leicht duftender Erde darunter“.

Der Maulwurf Grabowski, 4.581 Mal auf YouTube für Kinder vorgelesen, deren Elternlieber vorlesen lassen als es selbst zu tun… smile.

Wo Murschetz für den Maulwurf eine Lösung findet, die bei Kindern sicher auch mal die Frage aufwirft: „Ok, aber wenn da dann auch die Bagger kommen? Und dann bei der nächsten Wiese wieder – und wieder?“, bleibt es bei Gänsehaut in erster Linie ein wertkonservatives Kohl-hat-gerade-die-Macht-übernommen auswegloses gänsehautiges Frösteln. Der Song bleibt auf der Anklage-Ebene – ohne von irgendjemandem irgendetwas zu fordern.

>> s.a. Punk-Version von Zaunpfahl: „Karl der Käfer“, 2012


Righeira: „Vamos a la playa“, 1983, 12,4 Mio Aufrufe seit 2009

„Vamos a la playa
La bomba estalló
Las radiaciones tostan
Y matizan de azul“

Übersetzt bedeutet das in etwa: bedeutet das:
„Die Bombe ist explodiert
die radioaktiven Strahlen rösten
und werden vom Blau abgetönt.“

Wenn man einen Song über einen Zeitraum von 35 Jahren gefühlte 2.500 im Radio gehört hat und dabei stets davon ausgegangen ist, dass es sich um einen Sommerhit à la „Pack die Badehose ein“ in (mir nicht vertrauter) spanischer Sprache handelt – und dann erfährt, dass im Songtext beschrieben wird, dass man angesichts einer Atombombenexplosion an den Strand geht, um dem Weltuntergang ins Auge zu schauen, dann ist wohl festzuhalten, dass die Message des Songs zumindest bei allen Nicht-Spanisch-sprachigen Menschen weitgehend… verpufft ist.

Auch der damalige Pseudo-Videoclip der Formel Eins-Sendung trägt nichts dazu bei, zu daran etwas zu ändern.


Reinhard Mey: „Das Meer“, 1988, 143.000 Aufrufe seit 2009

Reinhard Mey: „Das Meer“, 1988

„Wir bringen ihm einen erbärmlichen Dank
Die Pflanzen zerstört und das Seegetier krank
Was da kreuchte und fleuchte verendet im Teer
Wir verseuchen das Meer und misshandeln es schwer …

Wie wir es vergiften, missachten und schänden
Wir stören nicht lange sein Gleichgewicht
Es wird uns nur abschütteln von seinen Stränden
Wir brauchen das Meer, doch das Meer braucht uns nicht!“

Hier werden die Machtverhältnisse zwischen Natur und Mensch zurechtgerückt: Um es mit einem Öko-Klassiker-Spruch zu sagen: „Wir brauchen die Natur, aber die Natur braucht uns nicht.“

Tatsächlich bleibt dieses Wissen allzu oft abstrakt. Der große Irrtum vieler Menschen, besonders der Bewohner*innen der Industrienationen:

Wir sind nicht die Herrscher der Erde, wir unterliegen den Gesetzen der Natur, wir sind Teil der Erde: Wir sind Erde.

>> vgl. Handbuch Klimakrise: Grundlegende Gedanken zur Klimakrise

Reinhard Mey: „Es gibt keine Maikäfer mehr“,

Dann gibt es noch den Song „Es gibt keine Maikäfer mehr“ (1974), in dem Mey beklagt, dass es im Unterschied zu seiner Kindheitszeit, in der er (oder sein lyrisches Ich) Maikäferexperte war und eine große Sammlung besaß, (so gut wie) keine Maikäfer mehr gibt:

„Würd ich noch einmal loszieh’n
Blieb mein Schuhkarton wohl leer…
Es gibt keine Maikäfer mehr“

Ansonsten bin ich eher erstaunt, wie wenig von Reinhard Mey zu diesem Themenkreis Klimakrise/Massenaussterben kommt. Mey hat in den vielen Jahrzehnten seiner Karriere so ziemlich jedes denkbare Thema in einen Song verarbeitet. Und ausgerechnet hier wird er schweigsam? Wie schade. Wobei ich es durchaus für möglich halte, dass Mey einfach keine Idee hat, das Thema ohne erhobenen Zeigefinger anzugehen, denn das ist definitiv eine große Herausforderung.

Reinhard Mey: „Vernunft breitet sich aus über die Bundesrepublik Deutschland“, 1995

Doch umso deutlicher wird Reinhard Mey in dem mich bis heute faszinierenden Song über die Vision einer plötzlichen Vernunft, die sich – sehr vorübergehend, nämlich gerade mal für eine Songlänge – in Deutschland ausbreitet:

„Und schon werden über Akte der Vernunft Meldungen laut
Da! Die ersten sinnvollen Dinge geschehn
Es treten schon hier und da vermehrt Politiker zurück
Ohne Leugnen, ohne Sichwinden und Drehen
Vorbei sind die hohlen Sprüche
Korruption und Kungelei
Jetzt gibt’s Ehrlichkeitsausbrüche
Alle, alle sind dabei!“

Und am Schluss kratzt der Hauswart „mit Bürste, Eifer, Fleiß und Terpentin fluchend an der Hauswand an der kühnsten aller Utopien“, sodass von der Graffitizeile „Vernunft breitet sich aus über die Bundesrepublik Deutschland“ im folgenden mit jeder Wiederholung am Songende am Anfang und Ende der zeile ein weiterer Buchstabe fehlt, d.h. nicht gesungen wird, was also in die Schlusszeile mündet „unft breitet sich aus über die Bundesrepublik Deutsch“.



Pixies: „Monkey Gone To Heaven“, 1989, 4,2 Mio Aufrufe

Pixies – Monkey Gone To Heaven, 1989

„If man is five…
Then the devil is six…
And if the devil is six
Then God is seven…“

  • „‚Monkey Gone to Heaven“s main theme is environmentalism. The song mainly deals with humanity’s destruction of the ocean and ‚confusion of man’s place in the universe‘. ‚On one hand, it’s [the ocean] this big organic toilet. Things get flushed and repurified or decomposed and it’s this big, dark, mysterious place‘, Black later said, ‚It’s also a very mythological place where there are octopus’s gardens, the Bermuda Triangle, Atlantis, and mermaids'“ (wikipedia 2021e).“

Kommentar von Ferdinand Meyen zu „Monkey Gone To Heaven“:

  • „Gute Songtexte hat schon immer ausgezeichnet, dass sie die großen Zusammenhänge anhand eines konkreten Beispiels oder anhand einer guten Geschichte erzählen“ (2020).

Peter Schilling: „Die Wüste lebt (Alarmsignal)“, 1983, 149.000 Aufrufe seit Februar 2020

„Nach vielen Tausend Jahren hat
Die Erde nun den Menschen satt
Sie gibt die Atmosphäre auf…
Die Sonne steht seit
198 Stunden regungslos auf
Drei Uhr nachmittags…

Alarmsignal, die Sonne brennt
Heißer als man sie kennt …
die Wüste lebt.“

Für einen 12-jährigen wie mich kam der Song seinerzeit schockierend rüber – man schüttelte sich und war froh, dass das nur in der damaligen Atmosphäre des NATO-Doppelbeschlusses, der Friedensbewegung, des sauren Regens und des No-Future-Punks bloße Science Fiction war.

Nun, The Times Are A-Changing.


Marvin Gaye: „Mercy Mercy Me (The Ecology)“, 1971

Marvin Gaye: „Mercy Mercy Me (The Ecology)“, 1971

„Where did all the blue skies go?
Poison is the wind that blows…
Oil wasted on the ocean and upon our seas
Fish full of mercury…
Radiation underground and in the sky
Animals and birds who live nearby are dying…
How much more abuse from man can she [=Mother Earth] stand?“

Deutliche Worte über einen traumhaften Soul-Motown-Track. Besser geht es nicht.

Spannend auch der großartig durch einen riesigen Hallraum gezogene Percussion-Schlag auf Zählzeit 2 und 4, der irgendwie den markanten „Leuchtturm“-Sound des gleichnamigen Songs der Gruppe NENA (1983) vorwegzunehmen scheint. Und der Vocal-Chor-Sound des Mellotrons am Ende des Tracks, das in den Credits nicht genannt wird.

Entgegen der allgemeinen Wahrnehmung, die durch dieses Single-YouTube-Video befördert wird, nimmt das Thema Ökologie/Zustand der Welt/der Menschheit/des Planeten mehr als einen Song ein. „Mercy Mercy Me (The Exology)“ wird zuvor auf dem Album „What’s Going On“ vorbereitet – ohne Pausen zwischen den Songs – durch „Save The Children“ und eine Versicherung, dass Gott Liebe sei („God Is Love“). „Save the Children“ beginnt mit den Worten…

Marvin Gaye: „Save The Children“, 1971

„Who really cares, to save a world in despair?…
There’ll come a time…
When the world won’t be singing…
Flowers won’t grow …
Bells won’t be ringing …
Who really cares? …
Who’s willing to try?…
To save the world,…
That’s destined to die…
When I look at the world…
It fills me with sorrow…“

… und endet mit der Konklusion, dass wir die Welt zu retten haben für die Kinder dieser Welt.

  • YouTube-Kommentar von Lucas Martins dos Santos Corrêa da Costa Lucas Martins dos Santos Corrêa da Costa über „Mercy Mercy Me (The Ecology)“:

    „The song that made environmentalism sexy. What a concept.“

Juliane Werding: „Der letzte Kranich vom Angerburger Moor“, 1972

Juliane Werding: „Der letzte Kranich vom Angerburger Moor“, 1972

„Die Sonnenstrahlen fallen auf den See
Und das Wasser schimmert matt von Öl und Teer
Der große graue Vogel fliegt allein
Doch der Tod fliegt wie sein Schatten hinterher
Der letzte Kranich vom Angerburger Moor
Zieht traurig seinen Kreis, als wenn er weint…
Und er späht nach seinem unsichtbaren Feind“

Nun, hier wird ein wenig „Karl der Käfer“ (1983) vorweggenommen, ergänzt um den Aspekt „Wasserverschmutzung durch Öl“. Aber mit deutlich mehr Tiefgang vortragen.

Die Wege des Cobverns sind unergründlich und weit: Tocotronic covern Juliane Werding, 2020

Juliane Werding und/oder ihre A&R-Manager*in haben offensichtlich einen Hang zu „Balladen mit Message“ gehabt und ihre Karriere als eine Art deutsche Joan Baez (von der die bekannteste englischsprachige Version zu Werdings erstem Hit „Der Tag an dem Conny Kramer starb“ stammte) zu lancieren. Vielleicht sollte auch ein wenig die schmerzliche musikalische Lücke geschlossen werden, die Alexandra („Mein Freund der Baum“, 1968) mit ihren frühen Tod 1969 hinterlassen hatte. Auf jeden Fall wurde das bundesdeutsche Schlagerpublikum fortan konfrontiert mit Chanson-Schlagern wie „Wenn du denkst du denkst dann denkst du nur du denkst“ (1975) – und das von einer Teenagerin, die den Tod „Conny Kramers“ mit etwa 15 Jahren betrauerte. So war es auch nur konsequent (wenngleich etwas kalkuliert-befremdlich), ihr Debütalbum „In tiefer Trauer“ (1972) zu nennen.

Kommentar zu „Der letzte Kranich vom Angerburger Moor“ auf YouTube von Manni K****:

  • „Und auch nach 50 Jahren haben die Verantwortlichen nichts dazu gelernt. Der Tag wird kommen, wo ihr euer dreckiges Geld in der Pfanne braten werdet.“

Inwieweit der Erfolg des Liedes seinerzeit noch möglicherweise durch eine nostaligische „Heimatvertriebenen“-Komponente erhielt, weil die Kleinstadt Angerburg in Ostpreußen lag und heute als Węgorzewo in Polen liegt, kann hier nicht beurteilt werden.


Peter Hammill: „Gaia“, 1992

Peter Hammill: „Gaia“, 1992

„Every fragile beating wing
Moves the motor of the thing,
Oh, Gaia! …
It’s a whole, connected world.
Oh, Gaia …
And the sum of all the parts
Is the all-forgiving heart
Of Gaia!“

Ein Songtext, in dem Peter Hammill ein ganzheitliches Verständnis vom Leben auf dem und mit dem Planeten offenbart. Hierbei ließ er sich von der namensgleichen „Gaia-Hypothese“ inspirieren, die besagt, dass „die Erde und ihre Biosphäre wie ein Lebewesen betrachtet werden könne, da die Biosphäre (die Gesamtheit aller Organismen) Bedingungen schafft und erhält, die nicht nur Leben, sondern auch eine Evolution komplexerer Organismen ermöglichen. Die Erdoberfläche bildet demnach ein dynamisches System, das die gesamte Biosphäre stabilisiert“ (wikipedia 2021d).
Nun, auch wenn man in dieser Materie nicht drinsteckt, so kann man doch auf jeden Fall festhalten, dass es definitiv eines ganzheitlicheren Verständnisses des Lebens und der Biosphäre bedarf… Musikalisch verkörpert der Song nach meinem Dafürhalten die „Heiligkeit des Seins“… Tipp: Laut und auf einer guten Stereoanlage mit sattem Bass hören!

>> Peter Hammill ist der Hauptsongwriter und Frontmann von Van der Graaf Generator. Wer hier nur ein Fragezeichen auf der Stirn hat, dem seien die beiden Alben „H to He, Who Am the Only One“ (1970) und „Pawn Hearts“ (1971) anempfohlen. Alles beiseitelegen, Lauscher aufstellen, Augen zu.


The Clash: „London Calling“, 1979

The Clash: „London Calling“, 1979

The ice age is coming, the sun’s zooming in
Engines stop running, the wheat is growing thin
A nuclear era, but I have no fear
‚Cause London is drowning
I, I live by the river

Dystopischer „No Future“-Song, der in den Lyrics verschiedene Endzeit-Szenarien [entwirft]. Als Resultat gegenwärtiger und fiktiver angsteinflößender und irrsinniger Katastrophen. – Krieg, Hunger, Klimawandel und Nuklearunfälle… Der Name des Songs geht auf die BBC Radio-Kennung während des zweiten Weltkriegs zurück: ‚This is London calling…’“ (Radiobob o.J.).


The Beach Boys: „Don’t Go Near the Water“, 1971

The Beach Boys: „Don’t Go Near the Water“, 1971

„Don’t go near the water…
Our water’s going bad
Oceans, rivers, lakes and streams
Have all been touched by man
The poison floating out to sea
Now threatens life on land…“

Ohne Anwesenheit und kreativen Input von Brian Wilson war es schwierig, die Karriere der Beach Boys am Laufen zu halten. Ein qualitativ in Relation zu „Pet Sounds“ & Co geradezu „bestürzend“ zu nennender Song… dennoch spannend, dass ausgerechnet die Fun Fun Fun-Beach Boys sich eines Umweltthemas annehmen – und als alte Strandjungs auch noch dazu raten, sich fern vom Wasser zu halten.


Johnny Cash: „Don’t Go Near the Water“, 1974

Johnny Cash: „Don’t Go Near the Water“, 1974

„Don’t go near the water children
See the fish all dead upon the shore
Don’t go near the water
‚Cause the water isn’t water anymore…“

Auch Johnny Cash empfiehlt, sich lieber vom Wasser fernzuhalten. Konkret bedauert er im weiteren Songtext, dass er mit seinem Sohn nicht mehr unbefangen fischen gehen kann, da nun das ehemals klare Wasser in den Städten, d.h. unter menschlichem Einfluss, „poisoned and polluted“ sei.

Ein Song aus den Zeiten, in denen Umweltprobleme wie Rodung, DDT, Glyphosat, Ölkatatastrophen, Flußverschmutzung, Artensterben, Wüstenbildung etc. pp. noch einzeln – jedes für sich – und nicht systemisch als Alles-hängt-mit-allem-zusammen-Gesamtproblem wahrgenommen wurden. Hat sich bis heute nicht ausreichend geändert.


Quellen des Abschnitts „Umweltsongs (Klassiker)“