Musikindustrie, Live-Entertainment & planetare Grenzen

CC-BY-SA-3.0 KristaLeanne
CC-BY-SA-3.0 KristaLeanne

Rock’n’Roll und Genügsamkeit sind – historisch und bis auf Weiteres – ein ungleiches Paar. Tatsächlich hat insbesondere die Major-Musikindustrie jahrzehntelang das Bild eines ‚exzessiven Rock’n’Roll-Hedonismus‘ gepflegt.

Beispielsweise

  • bekam der introvertierte Mike Oldfield 1973 eine Luxus-Karosse von Richard Branson geschenkt, damit er sich überwindet und einmalig für die Uraufführung der Orchesterversion von Tubular Bells auf die Bühne geht, um dort für ein paar Minuten zur Gitarre zu greifen. Immerhin hat er den Wagen nicht gleich in den Swimming Pool gesteuert – wie es Keith Moon von The Who getan haben soll. Apropos The Who: Beispielsweise…
  • zählten bei den frühen The Who die obligatorischen Hotel-Einrichtungszerstörungen zum „guten Ton“ – und die allabendlich-finale Zerlegung des gesamten Bühnenequipments diente als dezenter Hinweis auch für die:den zugekiffteste:n Zuschauer:in, dass die Show nun unwiderrruflich zu Ende ist…
  • ging die Promotion eines Musikalbums auch schon mal unter Einladung der internationalen Musikpresse im Jumbojet vonstatten…
  • etc pp.

Inzwischen ist die Musikindustrie (Recording Industry) qua Digitalisierung und Verlust ihres Kerngeschäfts „Tonträger“ stark geschrumpft und kann sich solche Eskapaden kaum noch leisten.

Das gilt jedoch nicht fürs „Live Entertainment“, in der – lassen wir die Corona-Jahre als Ausnahmesituation beiseite – gern noch auf die ganz große Geste gesetzt wird.

Sensation. Die Stones landen in Fuhlsbüttel. 2017. Erstaunlich finde ich „Flight Spotting“… ich schlage vor, dieses gähnend langweilige Video eher zappend durchzuklicken.

Doch letztlich wirkt die Privatjet-Groß-Rock’n’Roller-Attitüde z. B. der Rolling Stones mittlerweile irritierend.

Und selbst wenn man solche überkonsumistischen Glamour-Verhaltensweisen eindämmt – bis zu einer emissionsfreien, ressourcenschonenden Musikproduktion bzw. zu einem gleichgelagerten Live-Entertainment ist es noch ein sehr weiter Weg.

Diesen Weg, neue Ideen und Inspirationen sowie zu verzeichnende Fortschritte dokumentiere ich in den folgenden Absätzen.


Bad news: Plastikstrohhalme abschaffen reicht nicht.

Den Ausführungen voranstellen möchte ich dieses Zitat des Klimatologen Anders Levermann:

  • „Wir brauchen nicht weniger Emissionen, wir brauchen null Emissionen. Null! Das ist etwas anderes als Emissionen verringern. Etwas fundamental anderes, wenn sie mit Wirtschaftsvertretern sprechen. Verringern bedeutet, ich mache etwas weniger, und das wollen Wirtschaftsvertreter nicht. Null Emissionen heißt, ich mache etwas anders“ (2020).

Live-Entertainment und die ‚grüne Null‘.

Derweil läuft es bei post-Stones-Musiker:innen-Generationen bereits durchaus anders als im Tonträgerzeitalter:

  • „Nachgewachsene Rockbands wie Radiohead bewegen sich auf Konzertreisen lieber mit der Bahn von Stadion zu Stadion, um die Ozonschicht zu schonen“ (Dallach 2017). [Beim Fliegen geht es nicht vorrangig um die Ozon-Schicht, sondern um CO2, Herr Dallach. Das wusste man auch schon 2017. Und was genau sind nachgewachsene Bands? Arbeiten Sie wirklich für den Spiegel?]
  • „Der Sänger der britischen Band Coldplay kündigte an, die Band werde auf eine Tour zum neuesten Album [von 2019] verzichten. Bevor sie wieder Konzerte geben, wollen die Musiker herausfinden, wie diese möglichst nachhaltig werden können“ (Flatley 2019).

Karl Fluch führt im Standard dazu aus:

  • „Die Band denkt darüber nach, ihren Fans öffentliche und subventionierte Verkehrsmittel anzubieten, möglicherweise in Zusammenhang mit günstigeren Tickets. Und sie will Plastik zur Gänze aus den Stadien verbannen. Es gehe darum, das Wohlergehen des Planeten über alles andere zu stellen, sagte Martin. Coldplay will in Zusammenarbeit mit Umweltschutzorganisationen Lösungen erarbeiten, die das Verhältnis von Geben zu Nehmen für Bands in Richtung Geben verschiebt. Dafür will die Band in neue Technologie investieren. Das kann sich leisten, wer, wie Coldplay, mit der letzten Welttournee eine halbe Milliarde Dollar verdient hat“ (2020).

>> s.a. Video-Interview bei der BBC: https://www.bbc.com/news/entertainment-arts-50490700 (Abrufdatum 23.06.2021)

Im September 2021 veröffentlichten Coldplay ein neues Album – und gehen damit auf Tour:

Chris Martin:

  • „2019 haben wir versehentlich in einem Interview gesagt, wir würden nicht mehr auf Tour gehen, bis es nicht sauberer sei. Danach dachten wir: ‚Oh, verdammt, now we’re fucked‚. Dann traten aber all diese Unternehmen an uns heran, Leute, die über neue Methoden zum Bühnentransport oder -aufbau nachdachten, neue Batteriesysteme erforschten, eine Art von Carsharing für Trucks. Wenn wir also auf Tournee gehen, wird es definitiv eine Verbesserung sein“ (zit. in Frank 2021).

Versehentlich? Coldplay sind seit 25 Jahren professionelle Medien-Player. Das ist unprofessionell und überaus enttäuschend.

Guy Berryman:

  • „… Es wird nicht perfekt sein. Worüber wir aber gerade nachdenken, worauf wir uns gerade konzentrieren, das könnte wichtige Pionierarbeit sein. Etwas, das auch von anderen genutzt werden könnte, die mit viel Material um den Globus ziehen, von Bands auf Welttournee bis zum Formel-1-Zirkus“ (ebd.).

Aus „CO2-neutral“ ist mittlerweile „CO2-neutraler“ geworden, wie man z. B. in einer SAP-Marketing-Anzeige rund um eine App nachlesen kann, welche es Coldplay-Fans ermöglichen soll, den Konzertbesuch bzw. die Anreise weniger CO2-intensiv zu gestalten:

  • „Schon vorab machten die Musiker rund um Frontman Chris Martin Schlagzeilen und kündigten an, all ihre Konzerte weltweit CO2-neutraler gestalten zu wollen. Um diese wichtigen Nachhaltigkeitsziele bestmöglich umzusetzen, hat Coldplay mit SAP zusammengearbeitet und eine eigene App für Fans herausgebracht.“ (SAP 2022)

Hey, SAP, das ist klimaschädliches Marketing-Deutsch: „CO2-neutraler„… was soll das sein? Was kommt als nächstes? „klimaneutral… klimaneutraler… am klimaneutralsten“?

Es sei die „umweltfreundlichste Tournee der Bandgeschichte“ (ebd.). Klingt gut, sagst aber wenig aus. Weiter im SAP-Sprech: Die Musiker (nicht nur von Coldplay)

  • „müssen samt Crew teils um den gesamten Globus reisen – inklusive des immer aufwändiger gestalteten Bühnenequipments. Lasertechnik oder auch riesige LED-Bildschirme sind inzwischen fast zum Standard geworden und verbrauchen zudem Unmengen an Energie“.

Ähem, müssen „Musiker samt Crew … um den gesamten Globus reisen“? Müssen sie das tun „inklusive des immer aufwändiger gestalteten Bühnenequipments“? Müssen sie den „Standard“ erfüllen? Das Wort „weniger“ kommt bei SAP auf jeden Fall nicht vor. Für den „Wir haben nichts wirklich verstanden“-Text gibts ne „6“, wohlgemerkt für SAP , nicht für Coldplay.

Die App selbst ist ein nettes Spielzeug, dass sicher die:den ein:e oder andere:n Nutzer:in findet…

  • „Konzertbesucher, die sich entscheiden, die klimafreundlichen Optionen zu nutzen, erhalten als Dankeschön Rabattcodes für Merchandise-Artikel im Online-Shop von Coldplay.“ (ebd.)

Nicht schlecht – und vor zehn Jahren hätte ich an dieser Stelle vielleicht sogar noch applaudiert. Aber jetzt, jetzt ich schreibe diese Zeilen, während ‚Europa brennt‘ im Juli 2022.

„Nicht schlecht“ ist eben nicht gut. Nicht gut genug im Jahr 2022. Wir müssten wo ganz anders stehen. Coldplay gehen voran, das ist prima. Der eigentliche Befund lautet jedoch: Es ist dramatisch, dass Coldplay mit diesen Maßnahmen Pioniere sind.

Für SAP bietet der neue Geschäftspartner Coldplay derweil eine wunderbare kulturwashing-Gelegenheit, um sich als Nachhaltigkeitspartner für sämtliche Wirtschaftsbranchen zu präsentieren, damit man vereint „[d]em Klimawandel mit digitalen Lösungen entgegenwirken“ (ebd.) könne.

Hinzu kommt, dass sich Coldplay für diese „klimaneutralere“ Tour eine finnische Ölgesellschaft namens Neste an Bord geholt haben:

  • „Die Ölgesellschaft soll laut eigenen Angaben der weltweit größte Produzent nachhaltiger Biokraftstoffe sein [und um die Nutzung selbiger ging es Coldplay für ihre Tour]. Doch laut einer Studie von Friends of the Earth sollen durch Palmöllieferanten des Unternehmens zwischen 2019 und 2020 in Ländern wie Indonesien und Malaysia mindestens 10.000 Hektar gerodet worden sein.“ (Braatz 2022)

Dazu ist festzuhalten: Biokraftstoffe sind nicht die Zukunft. Die Menschheit benötigt die Felder (auch die allermeisten Felder, auf denen derzeit Tiere stehen bzw. Tierfutter angebaut wird) für die Produktion von pflanzlichen Lebensmitteln.

SAP, Neste – und BMW: Das sind die großen, CO2-Schwergewichte, mit denen sich Coldplay im Rahmen ihrer Klimaneutralerwerdung umgeben. Nur eines ist offensichtlich nicht denkbar: Die Sache eine Nummer kleiner durchzuziehen.

Es bleibt: enttäuschend.

>> Weiteres zu Coldplay s.a. Abschnitt Greenwashing und Musik


Das bisher Beschriebene bedeutet vielleicht einen kleinen Schritt nach vorne, mag sein, dennoch bleibt es bis auf Weiteres bei folgendem Befund:

  • „‚Die Industrie lebt von Mobilität, Materialität und Ressourcenverbrauch‘, sagt der Musikwissenschaftler Wolf-Georg Zaddach, der das Thema an der Hochschule für Musik in Weimar sowie der Leuphana-Universität Lüneburg untersucht“ (Schrader 2021).

Und wenn selbst wenn man als hochpopuläre:r Musiker:in Ressourcen-schonende Shows produziert, den Green Touring Guide der Popakademie Mannheim bzw. des Green Touring Network beherzigt und mit der Bahn anreist – das Verhalten der Fans entwickelt (derzeit und bis auf weiteres) seine ganz eigene Dynamik:

Der Moment, in dem der Sänger der Band Vulfpeck im ausverkauften New Yorker Madison Square Garden fragt, wer aus dem Publikum per Flugzeug angereist ist:

Minute 1:18:30: Vulfpeck: Live at Madison Square Garden – „Christmas in L.A. (Intro)“ – 2019.

Letztlich reden wir – und das wird an obigem „Wer ist für dieses Konzert eingeflogen?“-Passus symbolisch sehr schön deutlich – hier von einer Herausforderung, die die gesamte Gesellschaft aller Gesellschaften der frühindustrialisierten Länder betrifft. Das gewaltige Gesellschaftsproblem des HöherSchnellerWeiter findet in der seit jeher mit Freizeit, Event & Eskapismus hedonistisch-materialistisch verknüpften (Rock-)Musikkultur ihren besonders deutlichen Ausdruck.

Man kann diesen hier niedergeschriebenen Beitrag daher auch als grundlegende Darstellung des Gesellschaftsproblems, welches seinen symptomatischen Ausdruck in Erderhitzung und Artensterben findet, lesen. Und anhand dieses Aspektes der Lebensgewohnheiten der Bürger:innen der frühindustrialiserten Nationen analysieren, was künftig noch geht – und was nicht.

Die Anreise der Zuschauer:innen trägt am meisten zur ökologischen Schieflage bei.

So war es auch bei Live Earth im Jahre 2007:

Live Earth 2007 = Emissionen „Anreise/Unterbringung Publikum“ = etwa 97.000 t CO2 von insgesamt 110.000 t CO2 | Das bedeutet das 88% aller Emissionen durch die teilweise um den halben Globus anreisenden Zuschauer verursacht wurden. (vgl. Abschnitt Krisenmusik. Ein Essay.)

Für Wacken & Co wird dieser Faktor ebenfalls sehr hoch sein. Radiohead stellten 2007 fest, dass „Fans … 86% der CO2‐Emissionen der Theater‐Tour und 97% der Amphitheater‐Tour [verursachten]“ (Giese et al.).

Bei mehrtägigen Musikfestivals reicht es mittlerweile vielen Anreisenden nicht mehr, ein kleines Zelt aufzubauen. Statt dessen stehen jetzt vielfach Stromgeneratoren zwischen den mondänen Wohnstätten…
Ich stelle die These auf: Je größer der Act bzw. das Event, desto größer auch der Anreise&Publikums-CO2-Impact.

Fest steht: Einer der größten ökologischen Hebel ist die Anreise der Vielen, nicht etwa Transport der Bühne oder die Anreise der Musiker:innen.
Und dieser Anreise-Impact ist – simpel genug – nur durch exakt eine bestimmte Maßnahme zu vermeiden: Unterlassung.

Es ist ganz klar: Einfliegen für Konzerte, Musikfestivals, ESC und Opernabende (s.u. Abschnitt E-Musik als live-Entertainment: Globales Orchesterleben) – das ganze hat mittlerweile sogar eine eigene Bezeichnung: „Gig-Tripping“ – sowie Sportereignisse wie Weltmeisterschaften und Olympia kann und wird künftig in einer emissionsfreien Welt nicht stattfinden.

>> Das hat durchaus Vorteile: Bei einem Event in der eigenen Stadt oder Region kann man dabei sein, ohne bei der Ticketbeschaffung einer globalen Konkurrenz und entsprechenden Ticket-Kontingente ausgesetzt zu sein.

>> siehe auch Santiano: Klimabilanz der 2022er Tournee „Wenn die Kälte kommt“

>> „Gig-Triping“ vgl. Stremmel 2024


Live-Entertainment 2024: Monströse Rekorde

Aktuell – im Sommer 2024 – ist von Veränderungen hin zu einer zukunftsfähigen Welt oder auch einer zukunftsfähigen, innerhalb der planetaren Grenzen agierenden Live-Entertainment-Musikbranche nichts zu spüren, im Gegenteil:

Nachdem

  • im Februar diesen Jahres anlässlich des Super Bowls Hunderte von Privatjets in Las Vegas einfielen – die Zahlen variieren wundersam zwischen 525 bzw. 882 (Historic Videos, ran) und über 1.000 Maschinen (vgl. Schmieder) – und sich der Autor dieser Zeilen an die Dekadenz des alten Roms erinnert fühlt – wenngleich in zigfacher Potenzierung,
  • die Fangemeinde von Taylor Swift, die sog. ‚Swifties‘, kollektiv mitflieberte, ob Swift es schaffen würde, von einem Konzert in Tokio mit ihrem Privatjet die fast 9.000 Kilometer rechtzeitig zu bewältigen zum besagten Super-Bowl-Football-Spiel Ihres Freundes, um dort medienwirksam ein Siegerküsschen zu verteilen (vgl. Mansholt), um dann wenige Tage später weitere etwa 8.000 Kilometer nach Melbourne in Australien zurückzulegen – und
  • die Anwält:innen von Taylor Swift einem Studierenden mit Klage drohte, weil er ihre Flugbewegungen trackt und veröffentlicht (vgl. Bovermann), was sie – um im Bild zu bleiben – als eine der Königinnen des dekadenten Roms ausweist („Swift will fly an estimated 43,688 kilometers and emit 511,154 kilograms of CO2 for the Eras Tour.“ (West))

wurde im Mai bekannt, dass offensichtlich weit mehr als zehntausend Taylor-Swift-Fans in Form des sog. „Gig-Tripping“ (auch: „Tour-Tourism“, vgl. Stremmel 2024) zu den Europa-Konzerten ihres Idols einfliegen: Weil es günstiger ist, ins Flugzeug zu steigen, ein Hotel zu buchen, ein in niedrigen dreistelligen Bereich liegendes Ticket z. B. für das Stockholm-Konzert zu ergattern und einen kleinen Europa-Urlaub zu machen, als in den USA für rund 1.500 Dollar ein gleichartiges Konzert zu besuchen:

  • „Ein erheblicher Teil des Kartenkontingents für die 18 Konzerte der am Donnerstag in Paris startenden ‚Eras‘-Tour durch europäische Städte wurde laut der Nachrichtenagentur AP von amerikanischen Fans gekauft. Allein zu dem Konzert in Stockholm sollen zum Beispiel nach Angaben der Veranstalter 10.000 US-Swifties anreisen.“ (Spiegel 2024)
  • „Für die vier ausverkauften Swift-Konzerte in Paris soll laut der Nachrichtenagentur Associated Press jedes fünfte Ticket ein Mensch aus den USA gekauft haben. Das allein wären mehr als 30 000 Besucherinnen, die vermutlich fast alle per Flugzeug angereist sind.“ (Stremmel 2024)
  • „Platz zehn der [in München] am häufigsten vertretenen Nationalitäten bildeten indische Fans.“ (Haase 2024)

Das alles ist Wahnsinn.

Wenngleich im Zusammenhang mit Taylor Swift in diesen Jahren stets die Rekorde fallen, spiegeln diese geschilderten Auswüchse m. E. alles in allem sehr klar wider, dass die Jahr für Jahr immer eindrücklichere, längst begonnene Erdsystemkrise inkl. sechstem Massenaussterben gesellschaftlich gesehen immer mehr Menschen des globalen Nordens in eine immer größere Realitätsverweigerung treibt.


„Concert residency“

„Gig Tripping“ hat eine weitere Dimension: „Concert Residency“.

„Concert Residencies“ sind seit Jahrzehnten in Las Vegas verankert mit Konzertreihen bspw. Liberace, Frank Sinatra oder von Elvis Presley. Letzterer gab dort zwischen 1969 und 1976 636 Konzerte – „two shows a night for 30 nights straight“ (Fox5vegas 2025). Céline Dion toppte das Ganze – ebenfalls in Las Vegas – ab 2003 mit mehr als 700 Konzerten in vier Jahren, was ihr rund 385 Mio. US-Dollar einbrachte (vgl. Hindelang 2026). Britney Spears, Jennifer Lopez, Elton John und Lady Gaga folgten. Eine neue Dimension wurde erreicht, als in Las Vegas die Event-Halle „The Sphere“ eröffnet wurde mit einer 40 Wochenenden-Konzerte umfassenden Konzertreihe von U2 (vgl. ebd.).

In letzter Zeit verselbstständigte sich sich das Prinzip und findet zunehmend international bzw. überall Anwendung.

Das kann man sehr schön an den Live-Auftritten von Adele der letzten 15 Jahre nachzeichnen:

  • 2011 spielte sie in Hamburg, Berlin, München und Köln und deckte somit zumindest den Westen Deutschlands zzgl. Berlin weitgehend ab.
  • 2016 war sie in Hamburg, Berlin und Köln zu sehen.

2024 trat sie hingegen 10 Mal ausschließlich in München auf – in einem eigens erbauten, rund 150 Mio. EUR kostenden Pop-up-Stadion namens „Adele World“ für bis zu 75.000 Zuschauer:innen. Insgesamt wurden etwa 730.000 Tickets verkauft (vgl. t-online 2024).

Mag sein, dass sich das alles für die Veranstaltenden, für die Stadt München und für Adele (ca. 50 Mio. EUR, vgl. ebd.) finanziell gelohnt hat – für die Mitwelt war es ein dumpfer Faustschlag mitten ins Gesicht: Ähnlich wie bei Live Earth und Taylor Swift flogen die Fans aus aller Welt ein, was jegliche (mögliche) ökologische Bemühungen vor Ort geradezu lächerlich erscheinen lässt.

Das rentiert sich finanziell nur deshalb, weil im derzeitigen Wirtschaftssystem die Mitweltschäden ausgeklammert (‚externalisiert‘) werden – mit anderen Worten: Das Geld wurde per Ausbeutung der natürlichen Ressourcen aller Menschen und Lebewesen „verdient“.

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Die seit 2022 in London laufende Avatar-Show von ABBA funktioniert nach dem gleichen Residency-Prinzip.

Kanye West, zurzeit unter dem Kürzel YE firmierend, wurde zuletzt von Großbritannien, Polen und Italien u.a. aufgrund von antisemitischen und rassistischen Äußerungen ausgeladen. Nicht so von Albanien. Dort wurde im Sommer 2026 innerhalb weniger Wochen unweit von Tirana ein Pop-up-Stadion für 60.000 Zuschauende, darunter fast 25.000 Besucher:innen aus dem Ausland (vgl. Spiegel 2026, Tirana Times 2026) aus dem Boden gestampft – und die Regierung Albaniens stellt dafür vier Millionen Euro zur Verfügung – und Albaniens Präsident Edi Rama macht persönlich wochenlang Werbung dafür (vgl. Voigt 2026). Yeah.

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Laut der TV-Sendung Good Mornng America sind Concert Residencies „good stuff“ (Upload 29.03.2026)

Statt auf Tournee zu gehen, „spielt […] [Harry Styles im Jahre 2026] mehrere Shows in wenigen ausgewählten Städten: zehn in Amsterdam, zwölf in London und 30 in New York“ (Hindelang 2026) im Madison Square Garden, d.h. in den USA nur und ausschließlich genau an diesem einen Ort. – Was letzteres hinsichtlich der Flugbewegungen in den USA bedeutet, haben wir weiter oben auf dieser Webpage im Video von Vulpeck schon gesehen.

Die Backstreet Boys spielen ihre zehn Revival Konzerte in Europa im Herbst 2026 ausschließlich an genau einem Ort: in Düsseldorf.

Das ist eine ökologische Katastrophe.

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Natürlich geht es (auch) um Kosten:

  • „‚Sobald man vor Ort ist und alles aufgebaut hat, sinken die Kosten pro Show drastisch‘, erklärte der [lieber anonym bleibende] Manager einer der größten europäischen Konzertveranstalter […]“ (ebd.).

Kein Wunder – schließlich sourced man diese Kosten an die Fans aus – sowie an die Mitwelt. Es ist wenigen Elite-Musiker:innen vorbehalten. Somit ist es auch äußerst unfair gegenüber der überwältigenden Mehrheit der Musiker:innen… Denn entgegen anderslautender Gerüchte kann man sein Geld sogar als Musikfan nur einmal ausgeben.

Es ist darüber hinaus auch gesellschaftlich nicht wünschenswert bzw. unsozial:

  • „Ganze Regionen verlieren etwa den Anschluss an eine lebendige Popkultur, Mega-Events ballen sich in wenigen Städte […]“ (Vetter 2026).

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Und wem als Star München, London oder New York nicht reicht, den zieht es… nach Ägypten zu den Pyramiden.

Dort gab der DJ Tiësto auf dem Vorplatz der Pyramiden von Gizeh am 19. Dezember 2025 – gewissermaßen davon profitierend, dass im „globalen Norden“ gerade Winter und Ferienzeit war – ein dreieinhalbstündiges Konzert, das er per Livestream auf YouTube sendete und von inzwischen über 9 Mio. Usern aufgerufen wurde.

Allgemein scheint es ein beliebter „Hotspot“ für DJs (zumal mit einem „A“ im Namen) zu sein: Argy (11/2026), Anyma und Armin van Buuren waren auch schon da.

Mich nervt es, all diese „verlockenden“ Superlative rund um Adele, Tiësto etc. niederzuschreiben, denn wir Menschen (und damit selbstredend auch ich) sind tendenziell so gepolt, dass wir Rekorde emotional „irgendwie gut“ oder bewundernswert finden. Rational ist an diesem Hedonismus-Exzess daran überhaupt nichts Gutes zu finden, denn diejenigen Menschen, due zu Fuß, per Bahn oder mit dem Auto angereist sind, wird man mutmaßlich bequem auf einem Pausenhof unterbringen können.

… und im November 2026 tritt dann auch Shakira vor den Pyramiden von Gizeh auf (WDR 2026a).

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Jean-Michel Jarre ist scchon seit 1993 UNESCO-Sonderbotschafter – konkret „UNESCO ambassador for education, science and culture, an unconditional defender of the planet and the environment“ (Jarre, o. J.).

Sein Einsatz z.B. für den Regenwald ist durch den wohldurchdachten, rund 52-minütigen Soundtrack „Amazônia“ (2021) zur gleichnamigen Ausstellung des Fotografen Sebastião Salgado über den brasilianischen Regenwald dokumentiert.

Soweit klasse.

Und weiter im Text: „Jarre has taken […] some of the most iconic landmarks and UNESCO World Heritage sites around the globe for his creative, cultural, and environmental message.“

Und das ist tatsächlich wörtlich zu nehmen, d.h., die Pyramiden von Gizeh hat er längst „eingetütet.“ Zum Millennium-Konzert, gemeinsam mit 120.000 Zuschauer:innen (vgl. wikipedia 2026).

Unter dem Motto „Water for Life“ waren mit ihm gemeinsam im Jahre 2006 etwa 15.000 Zuschauer:innen in der Wüste von Marokko. Um auf die Austrockung des Toten Meeres aufmerksam zu machen, gab er 2017 dort ein Konzert namens „Live@the dead sea“ vor 10.000 Zuschauer:innen.

>> Das ist ungefähr so sinnvoll wie Trinkwasser von den Fiji-Inseln [Fiji Water] in Plastikflaschen im deutschen Supermarkt zu kaufen, um den globalen Süden zu unterstützen. (Nein, leider keine Satire.)

Nun, ich erinnere mich, dass die UNO-Botschafterin Audrey Hepburn gemeinsam mit Ihrem Partner um das Jahr 1990 herum mehrfach nach Äthiopien, in den Sudan, nach Somalia und Kenia etc. gereist ist – zusammen mit ein paar Journalist:innen, aber ansonsten ohne größere Entourage und vor allem ohne zichtausende Zuschauer:innen -, um auf das absolute Elend der Bevölkerung und insbesondere der Kinder aufmerksam zu machen… Hat den Zweck, eine dringliche Botschaft zu senden, auch ohne hunderte Badewannen von Kerosin gut erfüllt.


Zunehmendes Ausfallrisiko Erderhitzung/Extremwetterlagen bei Konzerten und Musikfestivals

Ein großes Konzert in letzter Minute ausfallen zu lassen ist für alle Beteiligten extrem unangenehm, konfliktreich und teuer. Schon in den 1980er Jahren wurde Phil Collins für seine regelmäßig vor 60.000 Zuschauer:innen stattfindenden Stadionkonzerte sowohl als Solo-Künstler als auch als Genesis-Sänger oft, wenn er eine anfliegende Influenca verspürte, im Hals „fitgespritzt“ mit Steroiden (Cortison). Diese machten jedoch seine Knochen mürbe, was nach Phill Collins‘ eigener Aussage zu seinem 2007er mitten im Schlagzeugspiel erlittenen Halswirbelbruch und den umfangreichen Folgen samt dem seit langer Zeit bestehenden desolaten Gesundheitszustand beigetragen hat (vgl. Collins 2016).

Heutzutage kommen aufgrund von Erderhitzung, Mitweltschäden und zunehemnden Extremwetterlagen weitere Risiken dazu.

Wacken fiel aufgrund der Covid-19-Pandemie 2020 und 2021 gleich zwei Mal hintereinander aus – Zoonosen werden auf einem sich erhitzenden Planeten, auf dem die Menschen immer mehr Platz beanspruchen und damit tiefer in die Lebensräume von Tieren eindringen, leichter übertragen als früher, vgl. Handbuch Klimakrise.

Metal, Matsch – und Einlassstopp: „Wir sind seit 65 oder 70 Stunden unterwegs“

2023 gab es in Wacken so schwere, anhaltende Regenfälle und entsprechende verschlammte Campingböden, dass es zu einem Anreisestopp kam und nur 61.000 von 85.000 Ticketinhaber:innen aufs Gelände gelassen wurden.

Robbie Williams musste 2025 aufgrund eines bevorstehenden schweren Unwetters eines seiner beiden Berliner Konzerte unmittelbar vor dem Einlass absagen und vom 21. Juli 2025 auf den 23. Juli verlegen.

Auch das Echelon-Festival in Bad Aibling bei Rosenheim, bei dem jedes Jahr etwa 500.000 Techno- und Elektrofans anreisen, musste 2025 bereits am zweiten Tag abgesagt werden.

  • „Schwere Unwetter hatten in der Nacht zu Samstag die Region um das Festivalgelände heimgesucht. Dabei fielen laut dem Veranstalter des Echelon-Festivals binnen weniger Stunden bis zu 60 Liter Regen pro Quadratmeter“. Das „Unwetter ließ Teile des Geländes im wahrsten Sinne des Wortes absaufen“ (Reule 2025).

Die Tagesschau vermerkt dazu:

  • „Gewitter sind längst nicht die einzige Herausforderung. Während Festivals früher vor allem mit Regen und Schlamm in Verbindung gebracht wurden, rückt inzwischen auch ein anderes Wetterextrem in den Fokus: Hitze. […] Wie weit diese Entwicklung inzwischen reicht, zeigte in diesem Sommer das niederländische Elektro-Festival Defqon 1. Es wurde wegen prognostizierter Temperaturen von bis zu 40 Grad präventiv abgesagt.“ (Straub 2026).

Schon wird darüber diskutiert, inwieweit Festivals etc. künftig eher im Frühjahr oder Herbst stattfinden können/sollen (vgl. WDR 2026b, instagram 2026).

>> weiterlesen:


Zukunft des Live-Entertainments: Recuce to the Max

Bleiben die weiteren Faktoren abseits der Fan-Anreise, die in einer Null-Emissionen-Welt ebenfalls zu vermeiden sind. Hier empfehle ich „Reduce to the Max“:

  • Die besten Konzerte sind doch i.d.R. die, bei denen eine Begegnung stattfindet – zwischen den Musikerinnen, den Musikern, der Kunst und dem Publikum, dass durchaus tausende Menschen umfassen kann. Materialschlachten à la Pink Floyd, Genesis, Kiss, Rolling Stones etc. waren sicher ’nice to have‘, aber wenn man die Wahl gehabt hätte, Pink Floyd in einem Club-Konzert zu erleben oder bei der „Wir sind mit zwölf Trucks vor Ort“-Tournee, für welches Konzert hätten Sie sich mutmaßlich entschieden?

Bands können in einem besser ausgebauten Schienennetz mit der Bahn reisen. Sogar im Schlafwagen. Meinetwegen können sie sich einen eigenen Waggon mieten… Auch NightLiner können mit Ökostrom konzipiert sein. Und man kann mehrfach an einem Ort spielen. Ja, tatsächlich, das geht.

Bands können durch Musik bestechen – statt wie so oft seit den späten 1970er Jahren durch „Materialschlachten“. Was braucht eine Band wirklich um eine gute Band zu sein, um zu entertainen und ihren Fans einen guten Abend zu bereiten? Musik. Bühnenpräsenz. Guten Sound. Spannende Zwischenansagen, Audience Participation Time.

Man muss es ja nicht so weit treiben wie Chuck Berry, der die allermeisten Konzerte seines langen Tourneelebens bestritten hat, in dem er eine passende ortsansässige Begleitband buchen oder zusammenstellen ließ und dann etwa 20 Minuten vor Konzertbeginn mit seinem Gitarrenkoffer in der Garderobe erschien. Aber das Beispiel zeigt, dass da noch deutliche „Reduce-To-The-Max“-Potenziale bestehen.

  • Nun werden sich einige Leser:innen innerlich fragen, ob der Autor dieser Zeilen weltfremd ist… Ich verstehe den Einwand. Wir sind nicht gewohnt, so zu denken. Doch Planetare Grenzen sind eine physikalische Grundtatsache. Daher muss die Frage in aller Sachlichkeit zurückgegeben werden: Wer genau ist hier im Zweifelsfalle weltfremd?

Der Green Touring Guide der Popakademie Baden-Wüttemberg von 2017, der bedauerlicherweise bislang kein Update erhalten hat (Stand Juli 20221) und daher – gleichwohl ich die Pionierleistung der Autor:innen an dieser Stelle ausdrücklich hervorheben möchte – in der zu dieser Zeit noch üblichen, aus heutiger Sicht jedoch unangenehmen 5-vor-12-Rhetorik verharrt, bemüht sich gleich zu Anfang darum, potenzielle Nutzer:innen nicht zu verschrecken:

  • „Green Touring soll nicht heißen, dass ab jetzt alle Strecken mit der Bahn zurückgelegt, sämtliche Verstärker ausgemustert, alle Mahlzeiten durch Dinkel‐Müsli ersetzt und die Musiker in Zelten übernachten müssen.“ (Giese et al., 2007)

Ja, warum denn eigentlich nicht? Was ist denn das Hauptkriterium? Bequemlichkeit oder Nullemisionen? (Das liest sich wie das fatale Bonmot „Klimaschutz muss Spaß machen“. Nein, muss er nicht. Menschheitsschutz/Zivilisationserhalt ist Pflicht, nicht Kür.) Weiter im Text:

  • „Vielmehr bedeutet es, dass durch ein paar schlaue Maßnahmen in vielen Bereichen das Touren sogar für Musiker noch angenehmer und teilweise sogar kostengünstiger sowie das Live‐Erlebnis für die Fans noch intensiver wird (im positiven Sinne!).“ (Giese et al.)

Es wird m.E. niemals funktionieren, den Menschen eine Null-Emissionswelt mit „Benefits“ als etwas Schickes zu verkaufen. Denn ein Punkt ist mit dem globalen Menschheitsschutz stets untrennbar verbunden: Wir werden Dinge weniger tun und dazu weniger (erneuerbare) Energie und weniger Ressourcen einsetzen. „In die Tasche lügen“ haben wir lange genug gemacht. Hat nicht funktioniert.

Details: Anmerkung zu (1)

1 Die Website greentouring.net verweist mit Stand Juli 2022 darauf, dass man (unter neuer Trägerschaft) an einem Update arbeite. 


E-Musik als Live-Entertainment: Globales Orchesterleben

Auch im Live-Bereich der E-Musik geht es eher hedonistisch zu. Woher nehmen wir Mitbürger:innen bloß das Gefühl der Selbstverständlichkeit, dass beispielsweise die Elbphilharmonie nicht nur von den drei Hamburgischen Orchestern (NDR Elbphilharmonie Orchester, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Symphoniker Hamburg) bespielt wird – und von zahlreichen kleineren Acts aus allen Genres aus allen Ecken der Welt – sondern darüber hinaus auch von diversen europaweit oder auch manchmal interkontinental reisenden Orchestern samt Equipment mit teils über hundert Mitreisenden?

Großbesetzte Gastorchester in der ‚Elphi‘ innerhalb eines knappen Jahres (8/22-6/23), überwiegend für nur einen Auftritt in der Stadt:

  • Ukrainian Freedom Orchestra mit mehrwöchiger Tour durch Europa und USA, Orchestra Română de Tineret, Concertgebouworkest Young (Amsterdam), Prague Symphony Orchestra, WDR Sinfonieorchester, Pittsburgh Symphony Orchestra, The Philadelphia Orchestra, The Cleveland Orchestra, Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia und Coro dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia (Italien), Wiener Philharmoniker, Budapest Festival Orchestra, Zentralschweizer Jugendsinfonieorchester, Balthasar-Neumann-Ensemble (Aus rund 25 Ländern kommen die Musiker für ihre Projekte zusammen.), Nürnberger Symphoniker, Tschechische Philharmonie, Münchner Philharmoniker, Polish National Radio Symphony Orchestra, Philharmonia Orchestra (UK), Tonhalle-Orchester Zürich, Oslo Philharmonic, London Philharmonic Orchestra, Wiener Symphoniker, Sächsische Staatskapelle Dresden, Orchestre National de France, London Symphony Orchestra, Baltic Sea Philharmonic, Orchestre des Champs-Élysées Collegium und Vocale Gent, SWR Symphonieorchester, // MDR-Sinfonieorchester, Bamberger Symphoniker, Wiener Philharmoniker (zum zweiten Mal), Bundesjugendorchester, Netherlands Philharmonic Orchestra, Royal Philharmonic Orchestra, Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia (Italien), Lucerne Festival Contemporary Orchestra, WDR Sinfonieorchester (zum zweiten Mal), Bergen Philharmonic Orchestra, Wiener Symphoniker (zum zweiten Mal), London Symphony Orchestra (zum zweiten Mal), San Francisco Symphony, Orchestre de Paris, hr-Sinfonieorchester, City of Birmingham Symphony Orchestra, Junge Deutsche Philharmonie, Freiburger Barockorchester und Vox Luminis, Luzerner Sinfonieorchester, Göteborgs Symfoniker, Concertgebouworkest (Amsterdam), Wiener Philharmoniker (zum zweiten Mal), Insula orchestra (Fr), Mahler Chamber Orchestra (Musiker:innen aus ca. 20 Ländern), Sächsische Staatskapelle Dresden (zum zweiten Mal), Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen.

Nun könnte man lange darüber philosophieren, wie man solche Orchesterreisen hinsichtlich Energie- und Ressourcenverbrauch optimieren könnte. To keep a long story short: Das geht nicht emissionsfrei. Das geht nicht mehr. Es ist vorbei. Es nur noch niemand so recht bemerkt.

Update 08.01.2025:

Ulrike Herrmann schreibt in „Das Ende des Kapitalismus“:

  • „Die Schaubühne in Berlin hat jüngst ihre Klimabilanz untersuchen lassen, und die Ergebnisse waren erschütternd: Das Theater emittiert sehr viel CO2, weil es auf alle Kontinente fliegt, um etwa 100 Gastspiele pro Jahr zu absolvieren.“ (198)

Und bei „cockpit.aero“ kann man lesen:

  • „‚Der Spielplan diktiert den Takt und lässt kaum Spielraum für Verzögerungen. Vor diesem Hintergrund wird Mobilität zur zentralen Infrastruktur künstlerischer Arbeit. «Wir sehen einen klaren Trend: Kulturschaffende setzen immer häufiger auf Charterflüge. Nicht aus Prestige, sondern aus Notwendigkeit‘, sagt Clive Chalmers, Senior Vice President Group Charter UK & ROW beim Luftfahrt-Dienstleister Air Partner [nunmehr Wheels Up]“ (2025).

Über diese angebliche „Notwendigkeit“ möchte ich gerne streiten.


Die Erkenntnis, dass Live-Entertainment in E&U – wie es bisher läuft -, im Sinne einer unabdingbaren Emissionsfreiheit nur begrenzt optimiert werden kann, steht also aus.

Musiker:innen verdienen nach dem Wegfall des Geschäftsmodells „Tonträger“ potenziell Geld mit Live-Konzerten (zumindest wenn sie einen Namen haben) – sowie mit Merchandising:


Merchandising

Merchandise-Artikel sind traditionell „Nippes“ – wir reden über Hingucker zum Hinstellen. Merch erfüllt ähnliche Bedürfnisse wie Reiseandenken. Man kauft sie – und die allermeisten derartigen Impulskäufe stehen entweder in der Ecke, originalverpackt im Keller oder wandern nach Rückkehr vom Event baldigst in der Tonne.

Fan-T-Shirts mögen hier eine Ausnahme darstellen. Die Mindestforderung lautet hier, dass selbige regional unter ethisch korrekten Arbeitsbedingungen produziert zu sein haben. Eine Statistik über den Anteil fairer Fan-T-Shirts gibt es nicht. Die wenigen Ausnahmen bestätigen die Regel.

„Die deutsche Sängerin Mine hat beispielsweise bei ihrem Songbook auf Plastikfolie verzichtet. Das ist zwar nicht viel, aber es zeigt das Umdenken in der Branche.“ (Freches 2020)
Dazu der Autor des Webportals Musik-und-Klimakrise: „Wollt Ihr mich verarschen? The House Is On Fire. Wenn der Verzicht auf Plastikeinhüllung dem Deutschlandfunk Nova schon ein Beispiel wert ist, hat niemand seine Hausaufgaben gemacht. Auch nicht der Journalist, von dem dieser absurde Satz stammt.

Recording/Recording-Industry & Zukunftsfähigkeit

Im Bereich „Musikproduktion“ bzw. „Musikproduktionsindustrie“ gilt es zunächst ersteinmal Maßnahmen umzusetzen, die andere Büro-gestützte Branchen ebenso ergreifen können/sollen/müssen:

Echter Ökostrom oder eigene Solarzellen | Zoom statt Flugplatz | vegetarische oder sogar vegane Caterings bio&regional & eine ebensolche Kantine – auch zur Gesundheitsförderung der Mitarbeitenden | digitale Infrastrukturen | Bankgeschäfte bei zukunftsfähiger Bank | Green Webhosting | Energie-optimierte ’schlanke‘ Website | zusätzlich zu allen Maßnahmen Nutzung von Open-Source-Software | Abschaffung von umfangreichen Büroetagen zugunsten mehr Home-Office | Dienstfahrräder/Dienst-E-Bikes | Angebot einer ÖPNV-Proficard | Prinzipielle Ablehnung der Firma betreffend Flugdienstreisen | Ermöglichung von terranen Reisen/Urlauben der Mitarbeitenden durch zusätzliche Urlaubstage bzw. Freizeitausgleich | langfristige Gerätenutzung, Reparatur statt Neukauf | Secondhand/Upcycling wo immer möglich | konkret (Studio-)PC-Reparatur mit Secondhand erworbenen Bauteilen | Allgemein nicht ausschließlich nach (Einkaufs-)Preis gehen, sondern sich Geschäftspartner:innen, Auftragnehmer:innen, Instrumentenhersteller (u. a. Tropenholz), Firmen sowie Lieferkette samt Zulieferer hinsichtlich Arbeitsbedingungen, Ressourcen, Transportwege und Energie genau anschauen und ggf. entsprechende Forderungen stellen bzw. Zertifizierungen einfordern | Gesellschaftsform-Umwidmung der Firma zugunsten der Mitarbeitenden | Firmen-interne volle Lohntransparenz zugunsten gleicher Arbeit für gleichen Lohn | Einführung von paritätischer Vergabe von Arbeitsplätzen (40:60 | 60:40) sowie massive Förderung von weiblich gelesenen Musikacts | Klimabilanzierung sowie zusätzlich CO2-Kompensation.

Ein in meinen Augen sehr gelungenes Beispiel bietet in diesem Zusammenhang Florian Siller mit seiner Firma Flo Siller Mastering, die Musik-Mastering mit einem zukunftsfähigen „planet-friendly“-Ansatz betreibt. Seine äußerst ’schlanke‘, Energie-optimierte Website sowie den aktuellen Stand des Weges zur Emissionsfreiheit seiner Firma kann man im Environmental Action Plan 2021 einsehen.

Transparenz-Hinweis: Die Musikproduktionen des Autors dieses Webportals, Marc Pendzich, werden seit vielen Jahren von Florian Siller gemastered.

Es gilt aber auch: In einem von Steigerungslogiken dominierten ökonomischen System ist vollendete Zukunftsfähigkeit nicht möglich. Das bedeutet, dass sich Geschäftsführende auf politischer Ebene für eine gesamtgesellschaftliche Transformation einsetzen können/dürfen/sollen/müssen: bei Politiker:innengesprächen, Kongressen, Messen, Forderungskatalogen etc. pp.


Fazit

Alles in allem gilt für das Live-Entertainment und sämtliche Bereiche der Musikindustrie das gleiche, was für die gesamte Gesellschaft gilt: Reduce To The Max. Viele Dinge sind nur durch Suffizienz zu erreichen, d.h. durch Unterlassung bzw. eine „Kultur des Genug“. Maßgeblich für die Zukunftsfähigkeit von Live-Entertainment und Musikindustrie ist nicht das Machbare, sondern das Erforderliche. Erderhitzung und Biodiversität sind pure Physik bzw. Biologie, beruhen also auf Naturgesetzen bzw. sind Natur. Es gibt keine Verhandlungsmasse. Es ist jetzt, sofort und heute! notwendig, Musik und Musikindustrie aus dem althergebrachten Hedonismus herauszulotsen und voranzugehen bei einer gesamtgesellschaftlichen Transformation – die unvermeidbar ist, wenn wir Menschen die Zivilisation bewahren wollen.

Marc Pendzich, im Juli 2022.


26.07.2022: Ein über den zitierten Green Touring Guide deutlich hinausgehendes Paper namens Music Industry Climate Pack 2021 hat Music Declares Emergency herausgebracht, über das/die in einem späteren Version dieses Textes genauer zu berichten sein wird.


>> Dieser Text ist ein work-in-progress und wird nach und nach erweitert, optimiert und upgedated.

Letzte Änderung: 17.09.2026


Quellen des Abschnitts „Musikindustrie, Live-Entertainment“