Musikindustrie, Live-Entertainment

CC-BY-SA-3.0 KristaLeanne
CC-BY-SA-3.0 KristaLeanne

Rock’n’Roll und Genügsamkeit sind – historisch und bis auf Weiteres – ein ungleiches Paar. Tatsächlich hat insbesondere die Major-Musikindustrie jahrzehntelang das Bild eines ‚exzessiven Rock’n’Roll-Hedonismus‘ gepflegt.

Beispielsweise

  • bekam der introvertierte Mike Oldfield 1973 eine Luxus-Karosse von Richard Branson gestellt, damit er sich überwindet und einmalig für die Uraufführung der Orchesterversion von Tubular Bells auf die Bühne geht und dort für ein paar Minuten zur Gitarre greift
  • zählten bei den frühen The Who die obligatorischen Hotel-Einrichtungszerstörungen zum „guten Ton“ – und die allabendlich-finale Zerlegung des gesamten Bühnenequipments diente als dezenter Hinweis auch für die*den zugekiffteste*n Zuschauer*in, dass die Show nun unwiderrruflich zu Ende ist
  • ging die Promotion eines Musikalbums auch schon mal unter Einladung der internationalen Musikpresse im Jumbojet vonstatten
  • etc pp.

Inzwischen ist die Musikindustrie (Recording Industry) qua Digitalisierung und Verlust ihres Kerngeschäfts „Tonträger“ stark geschrumpft und kann sich solche Eskapaden kaum noch leisten.

Das gilt jedoch nicht fürs „Live Entertainment“, in der – lassen wir die Corona-Jahre als Ausnahmesituation beiseite – gern noch auf die ganz große Geste gesetzt wird.

Sensation. Die Stones landen in Fuhlsbüttel. 2017. Erstaunlich finde ich „Flight Spotting“… ich schlage vor, dieses gähnend langweilige Video eher zappend durchzuklicken.

Doch letztlich wirkt die Privatjet-Groß-Rock’n’Roller-Attitüde z.B. der Rolling Stones mittlerweile irritierend.

Doch selbst wenn man solche überkonsumistischen Glamour-Verhaltensweisen eindämmt – bis zu einer ökoneutralen Musikproduktion bzw. zu einem ökoneutralen Live-Entertainment ist es noch ein sehr weiter Weg.

Diesen Weg, neue Ideen und Inspirationen sowie zu verzeichnende Fortschritte dokumentiere ich in den folgenden Absätzen.


Bad news: Plastikstrohhalme abschaffen reicht nicht.

Den weiteren Ausführungen voranstellen möchte ich dieses Zitat des Klimatologen Anders Levermann:

  • „Wir brauchen nicht weniger Emissionen, wir brauchen null Emissionen. Null! Das ist etwas anderes als Emissionen verringern. Etwas fundamental anderes, wenn sie mit Wirtschaftsvertretern sprechen. Verringern bedeutet, ich mache etwas weniger, und das wollen Wirtschaftsvertreter nicht. Null Emissionen heißt, ich mache etwas anders (2020).

Derweil läuft es bei post-Stones-Musiker*innengenerationen bereits durchaus anders als im Tonträgerzeitalter:

  • „Nachgewachsene Rockbands wie Radiohead bewegen sich auf Konzertreisen lieber mit der Bahn von Stadion zu Stadion, um die Ozonschicht zu schonen“ (Dallach 2017).
  • „Der Sänger der britischen Band Coldplay kündigte an, die Band werde auf eine Tour zum neuesten Album [von 2019] verzichten. Bevor sie wieder Konzerte geben, wollen die Musiker herausfinden, wie diese möglichst nachhaltig werden können“ (Flatley 2019).

Karl Fluch führt im Standard dazu aus:

  • „Die Band denkt darüber nach, ihren Fans öffentliche und subventionierte Verkehrsmittel anzubieten, möglicherweise in Zusammenhang mit günstigeren Tickets. Und sie will Plastik zur Gänze aus den Stadien verbannen. Es gehe darum, das Wohlergehen des Planeten über alles andere zu stellen, sagte Martin. Coldplay will in Zusammenarbeit mit Umweltschutzorganisationen Lösungen erarbeiten, die das Verhältnis von Geben zu Nehmen für Bands in Richtung Geben verschiebt. Dafür will die Band in neue Technologie investieren. Das kann sich leisten, wer, wie Coldplay, mit der letzten Welttournee eine halbe Milliarde Dollar verdient hat“ (2020).

>> s.a. Video-Interview bei der BBC: https://www.bbc.com/news/entertainment-arts-50490700 (Abrufdatum 23.6.2021)

Aktuell veröffentlichen Coldplay ein neues Album – und gehen damit auf Tour:

Chris Martin:

  • „2019 haben wir versehentlich in einem Interview gesagt, wir würden nicht mehr auf Tour gehen, bis es nicht sauberer sei. Danach dachten wir: ‚Oh, verdammt, now we’re fucked‚. Dann traten aber all diese Unternehmen an uns heran, Leute, die über neue Methoden zum Bühnentransport oder -aufbau nachdachten, neue Batteriesysteme erforschten, eine Art von Carsharing für Trucks. Wenn wir also auf Tournee gehen, wird es definitiv eine Verbesserung sein“ (zit. in Frank 2021).

Guy Berryman:

  • „… Es wird nicht perfekt sein. Worüber wir aber gerade nachdenken, worauf wir uns gerade konzentrieren, das könnte wichtige Pionierarbeit sein. Etwas, das auch von anderen genutzt werden könnte, die mit viel Material um den Globus ziehen, von Bands auf Welttournee bis zum Formel-1-Zirkus“ (ebd.).

Ein kleiner Schritt nach vorne, mag sein, dennoch bleibt es bis auf Weiteres bei folgendem Befund:

„‚Die Industrie lebt von Mobilität, Materialität und Ressourcenverbrauch‘, sagt der Musikwissenschaftler Wolf-Georg Zaddach, der das Thema an der Hochschule für Musik in Weimar sowie der Leuphana-Universität Lüneburg untersucht“ (Schrader 2021).

Und wenn selbst wenn man als hochpoluläre*r Musiker*in Ressourcen-schonende Shows produziert, den Green Touring Guide der Popakademie Mannheim beherzigt und mit der Bahn anreist – das Verhalten der Fans entwickelt (derzeit und bis auf weiteres) seine ganz eigene Dynamik…

Der Moment, in dem der Sänger der Band Vulfpeck im ausverkauften New Yorker Madison Square Garden fragt, wer aus dem Publikum per Flugzeug angereist ist:

Minute 1:18:30: Vulfpeck: Live at Madison Square Garden – „Christmas in L.A. (Intro)“

Letztlich reden wir – und das wird an obigem „Wer ist für dieses Konzert eingeflogen?“-Passus symbolisch sehr schön deutlich – hier von einer Herausforderung, die die gesamte Gesellschaft aller Gesellschaften der Industrieländer betrifft. Das gewaltige Gesellschaftsproblem des HöherSchnellerWeiter findet in der seit jeher mit Freizeit, Event & Eskapismus hedonistisch-materialistisch verknüpften (Rock-)Musikkultur ihren besonders deutlichen Ausdruck.

Man kann diesen Beitrag daher auch als grundlegende Darstellung des Gesellschaftsproblems, welches seinen symptomischen Ausdruck in Klimakrise und Massenaussterben findet, lesen. Und anhand dieses Aspektes der Lebensgewohnheiten der Bürger*innen der Industrienationen analysieren, was künftig noch geht – und was nicht.


Live Earth 2007 = Emissionen „Anreise/Unterbringung Publikum“ = etwa 97.000 t CO2 von insgesamt 110.000 t CO2 | Das bedeutet das 88% aller Emissionen durch die teilweise um den halben Globus anreisenden Zuschauer verursacht wurden. (vgl. Abschnitt Krisenmusik. Ein Essay.)

Daraus folgt: Der größte Mitwelt-Faktor ist die Anreise der Vielen, nicht etwa Transport der Bühne oder die Anreise der Musiker*innen. Und dieser ist nur durch eine Maßnahme zu vermeiden: Unterlassung. Es ist ganz klar: Einfliegen für Konzerte, Musikfestivals, ESC und Opernabende sowie Sportereignisse wie Weltmeisterschaften und Olympia kann und wird künftig in einer ökoneutralen Welt nicht stattfinden.

Das hat durchaus Vorteile: Bei einem Event in der eigenen Stadt oder Region kann man dabei sein, ohne bei der Ticketbeschaffung einer globalen Konkurrenz und entsprechenden Ticket-Kontingente ausgesetzt zu sein.

Bleiben die 12%, die in einer ökoneutralen Welt ebenfalls zu vermeiden sind. Hier empfehle ich „Reduce to the Max“:

Die besten Konzerte sind doch i.d.R. die, bei denen eine Begegnung stattfindet – zwischen den Musikerinnen, den Musikern, der Kunst und dem Publikum, dass durchaus tausende Menschen umfassen kann. Materialschlachten à la Pink Floyd, Genesis, Kiss, Rolling Stones etc. waren sicher ’nice to have‘, aber wenn man die Wahl gehabt hätte, Pink Floyd in einem Club-Konzert zu erleben oder bei der „Wir sind mit zwölf Trucks vor Ort“-Tournee, für welches Konzert hätten Sie sich mutmaßlich entschieden?

Bands können in einem besser ausgebauten Schienennetz mit der Bahn reisen. Sogar im Schlafwagen. Auch NightLiner können mit Ökostrom konzipiert sein. Man kann mehrfach an einem Ort spielen.

Bands können durch Musik bestechen statt durch „Materialschlachten“. Was braucht eine Band? Man muss es ja nicht so weit treiben wie Chuck Berry, der die allermeisten Konzerte seines langen Tourneelebens bestritten hat, in dem er eine passende ortsansässige Begleitband buchen oder zusammenstellen ließ und dann etwa 20 Minuten vor Konzertbeginn mit seinem Gitarrenkoffer in der Garderobe erschien. Aber das Beispiel zeigt, dass da noch deutliche „Reduce-To-The-Max“-Potenziale bestehen.

Der Green Touring Guide der Popakademie Baden-Wüttemberg von 2017, der bedauerlicherweise bislang kein Update erhalten hat und daher – gleichwohl ich die Pionierleistung der Autor*innen an dieser Stelle ausdrücklich hervorheben möchte – in der zu dieser Zeit noch üblichen unangenehmen 5vor12-Rhetorik verharrt, bemüht sich gleich zu Anfang darum, potenzielle Nutzer*innen nicht zu verschrecken:

  • „Green Touring soll nicht heißen, dass ab jetzt alle Strecken mit der Bahn zurückgelegt, sämtliche Verstärker ausgemustert, alle Mahlzeiten durch Dinkel‐Müsli ersetzt und die Musiker in Zelten übernachten müssen.“

Ja, warum denn eigentlich nicht? Was ist denn das Hauptkriterium? Bequemlichkeit oder Ökoneutralität? (Das liest sich wie das fatale Bonmot des Hamburger Bürgermeisters Tschentscher: „Klimaschutz muss Spaß machen“. Nein, muss er nicht. Menschheitsschutz/Zivilisationserhalt ist Pflicht, nicht Kür.) Doch lesen wir weiter:

  • „Vielmehr bedeutet es, dass durch ein paar schlaue Maßnahmen in vielen Bereichen das Touren sogar für Musiker noch angenehmer und teilweise sogar kostengünstiger sowie das Live‐Erlebnis für die Fans noch intensiver wird (im positiven Sinne!)“ (Giese/Butz).

Es wird niemals funktionieren, den Menschen Ökoneutralität mit den „Benefits“ als etwas Schickes zu verkaufen. Denn ein Punkt ist mit dem ökoneutralen Menschheitsschutz untrennbar verbunden: Wir werden Dinge weniger tun und dazu weniger (erneuerbare) Energie und weniger Ressourcen einsetzen. „In die Tasche lügen“ haben wir lange genug gemacht. Hat nicht funktioniert.

Der Green Touring Guide benennt seine Zielgruppen: Die Künstler*innen, (Tour-)Manager*innen, Booker*innen, Veranstalter*innen und die Venues (Veranstaltungsorte) (vgl. S. 11) und entlastet damit die Bands/Musiker*innen, die logischerweise nicht alles alleine machen können, sondern auf eine partnerschaftliche, ökoneutrale Infrastruktur angewiesen sind.

Sodann verweist man auf Best Practises

– under construction –

greenclubindex.de

Adam, D. (2006). Rock tours damaging environment, says Radiohead singer. Abgerufen 18. Mai
2016, von http://www.theguardian.com/uk/2006/oct/17/science.arts


Quellen des Abschnitts „Musikindustrie, Live-Entertainment“