E-Musik

thematisch angesiedelt im Bereich „Überlebenskrise der Menschheit“ samt „Klimakrise“ und „Massenaussterben“ (in loser Folge)


Ludovico Einaudi: „Elegy For The Arctic“, 2016 – und das Making of: https://youtu.be/IUMog65A-nM (Abrufdatum 14.3.2022)

Ludovico Einaudi: „Elegy For The Arctic“, 2016, ca. 3 min

„Magic but tragic“ nennt ein User das, was ein anderer bei Minute 1:25 „beschreibt als „Ice falling down as he plays lower is probably the most magic moment in music I’ve ever seen/heard“ (zit. in Einaudi 2016).

2016 trafen sich die Anrainerstaaten des Nordatlantiks, um weniger über den Schutz des Polarmeeres, sondern – so war zu befürchten – mehr über „wirtschaftliche Chancen der Klimakrise“ zu sprechen. Dagegen hatte Greenpeace acht Millionen Unterschriften gesammelt (GPN 2016). Um diesen Nachdruck zu verleihen, lancierte Greenpeace gewohnt medienwirksam eine Aktion. Ergebnis: Dieses elegische und, ja, auch bestürzende Video mit einer kurzen Performance des italienischen Komponisten und Pianisten Ludovico Einaudi (*1955).

>> s.a. ‚Ocean Memories‘: Greenpeace presents the world’s most northerly ice music concert, 2019 sowie das dazugehörige Making of (Abrufdatum jeweils 14.3.2022)


14 min – Mitschnitt des Werkes „Melt“ von Sean Shepherd

Sean Shepherd: „Melt“, 2018, ca. 14 min

Frozen – Drowning – Liquid – Final

„Der Soundtrack zum Klimawandel“ – so bezeichnet Juliane Weigel-Krämer (2022, 4) das 2018 uraufgeführte Werk „Melt“ von Sean Shepherd (*1979). Und in der Tat wird hier in vier kurzen, akustisch miteinander verbundenen Orchester-Sätzen musikalisch die fortschreitende Gletscherschmelze (gefroren | Ertrinken | flüssig | Finale) einer Programmmusik gleich – fast ein wenig lautmalerisch – nachempfunden. Die elf Glockenschläge am Ende des Finales stehen für die elf noch verbliebenen, jedoch unwiderruflich zu unseren Lebzeiten schmelzenden Gletscher im Grand Teton National Park in Wyoming (vgl. Renczikowski 2019). Die Glockenschläge seien zugleich in dem Sinne zu verstehen, dass es kurz vor 12 ist. Anzumerken ist, dass „Fünf vor 12“ schon seit Längerem keine angemessene Metapher mehr ist in Anbetracht der Tatsache, dass wir die multiple Krise der Mitwelt nur noch abmildern und nicht mehr beseitigen können.

Shepherd wird wie folgt zitiert:

  • „Ich bin überrascht über die Agonie, die ich angesichts der Gletscherschmelzen empfinde, aber wenn ich über die Tragödie nachdenke, die direkt vor unseren Augen passiert, dann habe ich das Gefühl: Alles. was ich tun kann, ist, meinen Kopf zu senken und in Tränen auszubrechen“ (Weigel-Krämer 2022, 4).

Nun, er hat mehr getan: Einen der bislang allzu wenigen und daher umso wichtigeren Beiträge der zeitgenössischen E-Musik zur öffentlichen Wahrnehmung der Überlebenskrise der Menschheit geleistet.


2:14 min: Climate change: from Vivaldi to „For Seasons“ | NDR

For Seasons: Vivaldis „Quattro Stagioni“ („Vier Jahreszeiten“) als „Vertonte Anklageschrift“ (Mischke 2019) am 16.11.2019 in der Elbphilharmonie in Hamburg

  • algorithmische Bearbeitung SPACE & Kling Klang Klong
  • Arrangement Simone Candotto und Roland Greutter
3 min – Kurzbericht „For Seasons – Klimawandel hörbar gemacht“

Dass seinen vier programmatischen Violinkonzerten zu den Jahreszeiten mal einzelne Noten entfernt werden würde, das hätte sich Antonio Vivaldi (1678-1741) wohl nicht träumen lassen. Doch wenn die Jahreszeiten verschwimmen, dann ist das quasi die logische Konsequenz:

Felipe Sanchez Luna (Kling Klang Klong):

  • „Heutzutage existieren ungefähr 15 Prozent weniger Vogelarten. Wir haben dieses Motiv genommen, analysiert, geguckt wie viele Noten dieses Motiv umfasst – und in der neuen Partitur sind 15 Prozent dieser Noten dann einfach weg.“

>> Backgrounds zum Projekt: https://www.forseasonsbydata.com/dasprojekt (Abrufdatum16.6.2021)


Konzertmitschnitt „For Seasons“, 2019, komplett & frei verfügbar auf YouTube, s.a. s. https://www.ndr.de/orchester_chor/elbphilharmonieorchester/audio_video/Alan-Gilbert-dirigiert-For-Seasons,elbphilharmonie2724.html (Abrufdatum16.6.2021)

Francesco Filidei: „The Red Death. Passion nach Edgar Allan Poe“, 2021, ca. 85 min

Francesco Filidei: „The Red Death. Passion nach Edgar Allan Poe“, 2021, ca. 85 min

Ein Werk passend zur Corona-Krise, das auf eine von Edgar Allan Poe erlebte und im gleichnamigen Text verarbeitete Cholera-Epidemie aufbaut. Die Eliten verschanzen sich, um der Pandemie zu entgehen – werden aber schließlich doch am „roten Tod“ sterben, weil einer unter ihnen infiziert ist. Ein hochmodernes, komplexes und m.E. äußerst gelungenes Werk des italienischen Komponisten und Konzertorganisten Francesco Filidei (*1973) mit einem von elektronischen Effekten unterstütztem Orchester, Solist*innen sowie drei im Raum verteilten Chören, die wiederum vielschichtig diverse Rollen übernehmen und somit ebenso heterogen wie filigran den Text in Szene setzen. Daneben geht es um die sieben Todsünden Stolz, Neid, Zorn, Faulheit, Gier, Völlerei und Wollust, von denen einige heutzutage sozusagen zum vermeintlich „guten Ton“ gehören. Sehr spannend – und m.E. letztlich genauso gut als Allegorie auf die multiple Krise unserer Tage anzuwenden, in der sich ebenfalls allerlei Eliten gegen „die Anderen“ abschotten und glauben, sie könnten auf diese Weise der Krise entgehen: Das glauben viele Bürger*innen der Industrienationen, mehr noch die Bessergestellten unter ihnen – dann wären da noch die Preppers… – und wie könnte man sie vergessen, die Allerreichsten, die glauben, auf einer eigenen Insel samt Sicherheitspersonal, gegen Klimakrise, Massenaussterben, soziale Verwerfungen und Tod gewappnet zu sein. Bad news: Funktioniert höchstens vorübergehend! Irgendwann kommt der Pizzaservice nicht mehr auf Eure Insel eingeflogen.

Das Ganze endet mit dem Chor, der vorträgt:

„and there is no time left
for everything
to change
but now –“


>> s.a. Igor Levit unter „Statements und Aktionen“


Quellen des Abschnitts „E-Musik und Klima“