Umweltsong-Klassiker (international)

vor dem Jahr 2000, thematisch angesiedelt im Bereich „Überlebenskrise der Menschheit“ samt „Erderhitzung“ und „Artensterben“ (in loser Folge) [>> als playlist auf YouTube]


In dieser Rubrik fällt den meisten Menschen, die ich befrage, gewöhnlich zunächst Michael Jacksons „Earth Song“ ein:

Michael Jackson: „Earth Song“, 1995, seit 2009: 359,3 Mio Aufrufe, als Single Platz 1 in sieben Musikmärkten, Teil des mit rund 40 Mio US-$ beworbenen HIStory-Albums, dass international über 20 Mio Mal verkauft wurde, womit es Rekordhalter für ein Doppelalbum ist (vgl. wikipedia 2021a).

Michael Jackson: „Earth Song“, 1996

‚What about the seas? (What about us?)
The heavens are falling down…
What about nature’s worth?…
It’s our planet’s womb [=Gebärmutter]…
What about animals?…
What about elephants?…
What about forest trails?…
Burnt despite our please…‘

Im gewohnt opulent produzierten Videoclip sehen wir zunächst eine intakte Urwald-Landschaft. Die Rodung beginnt mit den ersten Tönen des perlenden Klaviermotivs – mit dem Stimmeinsatz Jacksons sehen wir ihn durch ein bis zum Horizont gerade abgebrannten noch mit Feuernestern versehenen (virtuellen) vormaligen Regenwald.
Angesichts dieser Katastrophe beginnt Jackson nachfolgend vor allem Fragen zu stellen, wobei er hierbei stellvertretend für seine Zuhörer:innen, die er hinter sich zu wissen glaubt, sich diffus an die Verantwortlichen dieser Welt richtet. Er adressiert dabei die Nöte von Tieren und allgemeiner der Natur und verbindet diese stets und immer wieder mit der Frage „What about us?“. So entsteht das m.E. wirkungsvolle Bild, dass wir Menschen nur in Verbindung mit der Natur auf diesem Planeten existieren können. Seine Strophen münden in die Frage „Did you ever stop to notice…? und fordert Zuhörer:in und die eigentlichen, unscharf angesprochenen Adressat:innen, die Machthaber:innen, auf, sich darauf zu besinnen, aufzuhören „to stop to notice“.
Im Videoclip sehen wir gemäß des Jackson-Anspruchs „Heal The World“ Zerstörung, die – so mag man interpretieren – durch Michael Jacksons hymnischen auf „Uuh-a“ gesungenen Refrain, geheilt wird, sodass (wenn wir uns alle besinnen) ein für Mensch, Tier und Pflanze – für die gesamte Biosphäre – besseres Leben möglich ist. Jackson gibt sich gleichermaßen hilflos, kämpferisch, verkörpert durch die Schnitte die Not von offensichtlich in Afrika (und in osteureopäischen Kriegsgebieten?) lebenden/leidenden Menschen.
In der musikalischen Apotheose, in der musikalischen Call- and Response-Soul-Übersteigerung des Schlussteils kommt von Jacksons gesanglichem Einsatz entfachter, massiver Sturm auf, in dem sich alle mühsam festhalten und – ja, wie soll man es anders ausdrücken: Die Erde geheilt wird, der Elefant aufersteht, der abgesägte Baum wieder auf seine Wurzeln kommt etc.

Ein an sich groteskes Märchen, an das man wohl gerne – auch ich – am liebsten glauben würde.

Jetzt, beim Wiederhören/-seheng nach vielen Jahren (in denen ich selbst auch älter/reifer geworden bin), stört mich dabei vor allem die (z.B. auch aus dem Film Moonwalker (1988) hinreichend bekannte) massive und gleichermaßen massiv inszenierte Überhöhung des eigenen Egos.

Ferdinand Meyen stellt die Frage nach gutem „Klima-Songwriting“ und bemerkt:

  • „Bei Liedern wie dem ‚Earth Song‘ von Michael Jackson kommen einem Schreckensbilder von vorweihnachtliche Schulfesten in Dreifach-Turnhallen oder dem Hippie-Onkel mit Akustik-Gitarre aus dem Pfadfindercamp in den Kopf“ (2020).

Was bleibt ist gleichwohl alles in allem einer der wirkungsmächtigsten Umweltsongs aller Zeiten – weil er die Anliegen der Natur mit einem guten Leben für alle Menschen zusammenbringt.

PS: Der Musikpsychologe Nicholas Ruth hat herausgefunden, dass nach dem Abspielen einer „prosoziale[n] Playliste[, die aus dem „Earth Song“ und P!inks „Dear Mr. President“ bestand]… 38 statt 18 Prozent der Gäste das teurere, prosoziale Produkt [bestellten]. Der Psychologe selbst warnt aber davor, vom einmaligen Hören des „Earth Song“ eine Art Umkehr zu erwarten. ‚Davon allein wird doch niemand zur Umweltschützer:in'“ (Schrader 2021).

>> Ein moderne Version dieses Ansatzes siehe Aurora: „The Seed“, 2019 in Abschnitt „Songs (international)“
>> s.a. Comedy-Variante Carolin Kebekus feat. Luisa Neubauer – „Mars Song“, 2021 in Abschnitt Songs (Satire, Kabarett, Comedy)


Joni Mitchell: „Big Yellow Taxi“, 1970

Joni Mitchell: „Big Yellow Taxi“, 1970, live 1970 – Studioaufnahme 1970 siehe https://youtu.be/94bdMSCdw20, TV-live-Performance siehe https://youtu.be/GFB-d-8_bvY?t=46 (Abrufdatum jeweils 23.6.2021)

„They took all the trees
And put them in a tree museum…
Don’t it always seem to go
That you don’t know what you’ve got
Till it’s gone
They paved paradise [zupflastern]
And put up a parking lot.“

„Hey farmer, farmer, put away your DDT.“

Joni Mitchell, 1996, über den Song:

  • In meinem Hotel in Hawaii schaute „ich hinunter und da war ein Parkplatz, so weit das Auge reichte, und es brach mir das Herz… dieser Schandfleck im Paradies“ (wikipedia 2021c)

Die Zeile „“Hey farmer, farmer, put away your DDT“ ist auch im Lichte des 1962 erschienenen und sehr bekannten Buches von Rachel Carson The Silent Spring (dt. Der stumme Frühling) zu sehen, einer Öko-Pioniertat.

Mit über 500 Coverversion ist „Big Yellow Taxi“ einer der besonders viel gecoverten Songs der Popgeschichte und darf getrost als Evergreen (!) gelten.

Philipp hebt indes hervor, dass Mitchell trotz des enormen Erfolges des Songs „niemals zu einem spezifischen Aushängeschild oder Schlüsseltext der Umweltbewegung avancierte“ und sieht „die auffällig häufige Verwendung ihres Hits … [als einen] Beleg dafür, dass sich eine umweltpolitische Beobachtung bruchlos in Formen des Kommerzes und der Konsumkultur einschrieb, ohne eine erkennbare ökologische Wirkungsgeschichte zu schreiben“ (2018, 320): Kapitalismus integriert Gegenbewegungen und schlachtet sie aus, das kennen wir aus diversen Zusammenhängen. Vielleicht setzen wir hier aber auch schlicht den Anspruch zu hoch an einen einzelnen Song?

Offensichtlich teilten Joni Mitchell und Alexandra im Zeitgeist der 1960er solche Naturverlusterfahrungen , diesen an sich „banalen Grundvorgang der Modernisierung und Stadtentwicklung: der Umwandlung von Natur- in Gewerbefläche“ (Philipp 2018, 319).


Pete Seeger: „My Rainbow Race“, 1973

Pete Seeger: „My Rainbow Race“, 1973

„One blue sky above us
One ocean lapping all our shore
One earth so green and round
Who could ask for more
And because I love you
I’ll give it one more try
To show my rainbow race
[Regenbogenvolk = Menschheit]
It’s too soon to die.“

Acht Zeilen, die alles Wesentliche prägnant auf den Punkt bringen: Wir sind alle Eins. Ein Song der sowohl den Schutz unserer Mitwelt als auch Frieden, Toleranz und Genügsamkeit als Mindestforderung einbringt. Wir können nicht wie Vogel Strauß den Kopf in den Sand stecken…, es sei zu früh zum Sterben. Und: „There’s no shortcut to freedom.“ Eine veritable Umarmung der Welt. Ein Jahr nach „Grenzen des Wachstums“. Die Studie wird dieses Jahr 50. Ich fürchte, die Botschaft von Song und Studie wurde noch immer nicht ausreichend verstanden.

Nailed it! (With a Hammer!)

Pete Seegers 93. Geburtstag: „My Rainbow Race“, 2012

Der Song hat seinen Weg gemacht – in Norwegen geriet er zum Nr.-1-Hit und blieb als Kinderlied im kollektiven Gedächtnis; zuletzt als geschlossenes Statement der Norweger:innen gegen alles, was mit den Anschlägen von 2011 in Norwegen zusammenhing. Der 2014 verstorbene Pete Seeger schickte in diesem Zusammenhang im Jahre 2012 ein Video, das anlässlich seines 93. Geburtstages aufgenommen wurde.

Peter Czermak: „My Rainbow Race“, s.a. https://www.lebenselixier-musik.at/ (Abrufdatum 9.3.2022)

In Österreich nahm unlängst der Musiker und Umweltaktivist Peter Czermak eine Fassung auf, die neben dem Originaltext auch einen aktuellen, deutschsprachigen Text enthält, der wie eine Ergänzung daherkommt und in die Zeilen mündet:

„Und drum hört auf Eure Kinder
setzt all Eure Kraft ein dafür,
wir haben diese Welt doch nur geliehn,
wir sind nur Gäste hier.“

Czermak verbindet schon seit den 1980er Jahren das Anliegen einer intakten Mitwelt mit Musik. So ist er beispielsweise schon 1986 mit einer „Auto-Entwöhnungs-Show“ unterwegs gewesen (mit einem solchen Projekt dürfte er damals der Erste und Einzige gewesen sein. Hut ab!) – und spricht heute in einem seiner Programm in „Radlerlatein“ mit seinen Zuschauer:innen.

Transparenz durch Offenlegung: Peter Czermak ist Mitautor des Webportals „Musik und Klimakrise“ und zeichnet hier für die Rubrik „Songs (Made in Austria)“ verantwortlich, auch erreichbar unter klimasongs.at.


Righeira: „Vamos a la playa“, 1983, 12,4 Mio Aufrufe seit 2009

„Vamos a la playa
La bomba estalló
Las radiaciones tostan
Y matizan de azul“

Übersetzt bedeutet das in etwa: bedeutet das:
„Die Bombe ist explodiert
die radioaktiven Strahlen rösten
und werden vom Blau abgetönt.“

Wenn man einen Song über einen Zeitraum von 35 Jahren gefühlte 2.500 im Radio gehört hat und dabei stets davon ausgegangen ist, dass es sich um einen Sommerhit à la „Pack die Badehose ein“ in (mir nicht vertrauter) spanischer Sprache handelt – und dann erfährt, dass im Songtext beschrieben wird, dass man angesichts einer Atombombenexplosion an den Strand geht, um dem Weltuntergang ins Auge zu schauen, dann ist wohl festzuhalten, dass die Message des Songs zumindest bei allen Nicht-Spanisch-sprachigen Menschen weitgehend… verpufft ist.

Auch der damalige Pseudo-Videoclip der Formel Eins-Sendung trägt nichts dazu bei, zu daran etwas zu ändern.


Jeff Lynne: „Save Me Now“, 1990

Jeff Lynne: „Save Me Now“, 1990

„One day the Earth woke up, said:
Boy, it’s getting hot
And remember all those trees I had?
But now there ain’t a lot“

Ein Song, der nicht drumherum redet, sondern genau auf den Punkt kommt. Lynne (Ex-ELO) hat den Text aus der Persepktive von „Mother Earth“ verfasst, die aufgrund der Temperaturen, der zu wenigen Bäume und der schmelzenden Polkappen darum bittet, jetzt, hier und heute gerettet zu werden.


Pixies: „Monkey Gone To Heaven“, 1989, 4,2 Mio Aufrufe

Pixies – Monkey Gone To Heaven, 1989

„If man is five…
Then the devil is six…
And if the devil is six
Then God is seven…“

  • „‚Monkey Gone to Heaven“s main theme is environmentalism. The song mainly deals with humanity’s destruction of the ocean and ‚confusion of man’s place in the universe‘. ‚On one hand, it’s [the ocean] this big organic toilet. Things get flushed and repurified or decomposed and it’s this big, dark, mysterious place‘, Black later said, ‚It’s also a very mythological place where there are octopus’s gardens, the Bermuda Triangle, Atlantis, and mermaids'“ (wikipedia 2021e).“

Kommentar von Ferdinand Meyen zu „Monkey Gone To Heaven“:

  • „Gute Songtexte hat schon immer ausgezeichnet, dass sie die großen Zusammenhänge anhand eines konkreten Beispiels oder anhand einer guten Geschichte erzählen“ (2020).


Talking Heads: „[Nothing But] Flowers“, 1988, 3,5 Mio. Aufrufe seit 2018

Talking Heads: „[Nothing But] Flowers“, 1988

Eine Vision über die Rückkehr zu den paradiesischen Lebensumständen von Adam und Eva – angesichts der lebensfeindlichen beton- und asphaltversiegelten Städte.

Das lyrische Ich träumt sich zurück – und dort, wo eben noch Menschengemachtes stand, ist jetzt wieder Natur:

There was a factory
Now there are mountains and rivers […]
There was a shopping mall
Now it’s all covered with flowers

You’ve got it, you’ve got it

Letztlich jedoch wirkt das lyrische Ich reichlich überfordert:

Don’t leave me stranded here
I can’t get used to this lifestyle

Visuell wird derweil eine zweite Ebene aufgemacht: So werden im Videoclip „kalte Fakten“ eingeblendet, beispielsweise darüber, dass (zur Zeit des Videodrehs ca. 1988) Großbritannien seit 1979 ganze 24 Mal das Konzept der Zählung von Arbeitsuchenden reformiert habe. 23 dieser „Reformen“ hätten zur Folge gehabt, dass die Statistik weniger Arbeitssuchende hervorbrachte.


Hawkwind: „We Took The Wrong Step Years Ago“, 1971, 192.400 Aufrufe seit 2014

Hawkwind: „We Took The Wrong Step Years Ago“

Ei, das ist Pink-Floyd-lastig, macht aber Spaß, finde ich.

Think about the things that we should have done before
The way that things are going the end is about to fall
We took the wrong step years ago
We took the wrong step years ago
We took the wrong step years ago
We took the wrong step years ago

Superinteressant ist der Wikipedia-Eintrag zu dieser britischen Musikgruppe vor allem aufgrund der rekordverdächtigen, ja, absurd großenn Anzahl an Besetzungswechseln rund um das einzige Urmitglied Dave Broock, siehe hier.


Marvin Gaye: „Mercy Mercy Me (The Ecology)“, 1971

Marvin Gaye: „Mercy Mercy Me (The Ecology)“, 1971

„Where did all the blue skies go?
Poison is the wind that blows…
Oil wasted on the ocean and upon our seas
Fish full of mercury…
Radiation underground and in the sky
Animals and birds who live nearby are dying…
How much more abuse from man can she [=Mother Earth] stand?“

Deutliche Worte über einen traumhaften Soul-Motown-Track. Besser geht es nicht.

Spannend auch der großartig durch einen riesigen Hallraum gezogene Percussion-Schlag auf Zählzeit 2 und 4, der irgendwie den markanten „Leuchtturm“-Sound des gleichnamigen Songs der Gruppe NENA (1983) vorwegzunehmen scheint. Und der Vocal-Chor-Sound des Mellotrons am Ende des Tracks, das in den Credits nicht genannt wird.

Entgegen der allgemeinen Wahrnehmung, die durch dieses Single-YouTube-Video befördert wird, nimmt das Thema Ökologie/Zustand der Welt/der Menschheit/des Planeten mehr als einen Song ein. „Mercy Mercy Me (The Ecology)“ wird zuvor auf dem Album „What’s Going On“ vorbereitet – ohne Pausen zwischen den Songs – durch „Save The Children“ und eine Versicherung, dass Gott Liebe sei („God Is Love“). „Save the Children“ beginnt mit den Worten…

Marvin Gaye: „Save The Children“, 1971

„Who really cares, to save a world in despair?…
There’ll come a time…
When the world won’t be singing…
Flowers won’t grow …
Bells won’t be ringing …
Who really cares? …
Who’s willing to try?…
To save the world,…
That’s destined to die…
When I look at the world…
It fills me with sorrow…“

… und endet mit der Konklusion, dass wir die Welt zu retten haben für die Kinder dieser Welt.

  • YouTube-Kommentar von Lucas Martins dos Santos Corrêa da Costa Lucas Martins dos Santos Corrêa da Costa über „Mercy Mercy Me (The Ecology)“:

    „The song that made environmentalism sexy. What a concept.“

Peter Hammill: „Gaia“, 1992

Peter Hammill: „Gaia“, 1992

„Every fragile beating wing
Moves the motor of the thing,
Oh, Gaia! …
It’s a whole, connected world.
Oh, Gaia …
And the sum of all the parts
Is the all-forgiving heart
Of Gaia!“

Ein Songtext, in dem Peter Hammill ein ganzheitliches Verständnis vom Leben auf dem und mit dem Planeten offenbart. Hierbei ließ er sich von der namensgleichen „Gaia-Hypothese“ inspirieren, die besagt, dass „die Erde und ihre Biosphäre wie ein Lebewesen betrachtet werden könne, da die Biosphäre (die Gesamtheit aller Organismen) Bedingungen schafft und erhält, die nicht nur Leben, sondern auch eine Evolution komplexerer Organismen ermöglichen. Die Erdoberfläche bildet demnach ein dynamisches System, das die gesamte Biosphäre stabilisiert“ (wikipedia 2021d).
Nun, auch wenn man in dieser Materie nicht drinsteckt, so kann man doch auf jeden Fall festhalten, dass es definitiv eines ganzheitlicheren Verständnisses des Lebens und der Biosphäre bedarf… Musikalisch verkörpert der Song nach meinem Dafürhalten die „Heiligkeit des Seins“… Tipp: Laut und auf einer guten Stereoanlage mit sattem Bass hören!

>> Peter Hammill ist der Hauptsongwriter und Frontmann von Van der Graaf Generator. Wer hier nur ein Fragezeichen auf der Stirn hat, dem seien die beiden Alben „H to He, Who Am the Only One“ (1970) und „Pawn Hearts“ (1971) anempfohlen. Alles beiseitelegen, Lauscher aufstellen, Augen zu.


Neil Young: „After The Gold Rush“, 1970, ca. 1,5 Mio. Aufrufe seit 2017

Neil Young: „After The Gold Rush“, 1970

„Look at Mother Nature on the run
In the nineteen seventies.“

(„Schau dir Mutter Natur auf der Flucht an,
in den Siebzigern.“)

Na, wenn man das schon über die 1970er Jahre sagte…

Ein bisschen kryptisch – doch letztlich träumt das lyrische Ich davon, dass nach Ende des Goldrausches – am Ende der kompletten Ausbeutung des Planeten – einige ausgewählte Kinder (?) an Bord eines Raumschiffs „to a new home in the sun“.

Damals ein Song, ein Albtraum und Science Fiction, gibt es heute Leute, die das als Vision bezeichnen.

OMG.

Und alles nur, weil ein Weniger undenkbar ist?


Kenny Loggins – „Conviction of the Heart“, 1991, 1,39 Mio. Aufrufe seit 2011

Kenny Loggins – „Conviction of the Heart“, 1991

Air that’s too angry to breathe
Water our children can’t drink
You’ve heard it hundreds of times
You say you’re aware
Believe, and you care
But do you care enough?
Where’s your conviction of the heart?

Yeah, nichts neues seit 1991. Die Fragen sind bestürzenderweise nach wie vor die gleichen. Und dabei haben die Leute damals keineswegs übertrieben.

Was bedeutet das für heute?

Es bedeutet doch eigentlich, dass wir heute chronisch untertreiben – oder?

Zumindest „hübsch“ ist der im Refrain formulierte Wunschgedanke, den ich mir auch zumindest wünsche:

One with the earth, with the sky
One with everything in life
I believe we’ll survive if we only try


The Clash: „London Calling“, 1979

The Clash: „London Calling“, 1979

The ice age is coming, the sun’s zooming in
Engines stop running, the wheat is growing thin
A nuclear era, but I have no fear
‚Cause London is drowning
I, I live by the river

Dystopischer „No Future“-Song, der in den Lyrics verschiedene Endzeit-Szenarien [entwirft]. Als Resultat gegenwärtiger und fiktiver angsteinflößender und irrsinniger Katastrophen. – Krieg, Hunger, Klimawandel und Nuklearunfälle… Der Name des Songs geht auf die BBC Radio-Kennung während des zweiten Weltkriegs zurück: ‚This is London calling…’“ (Radiobob o.J.).


The Beach Boys: „Don’t Go Near the Water“, 1971 (Album „Surf’s Up“)

The Beach Boys: „Don’t Go Near the Water“, 1971

„Don’t go near the water…
Our water’s going bad
Oceans, rivers, lakes and streams
Have all been touched by man
The poison floating out to sea
Now threatens life on land…“

Ohne Anwesenheit und kreativen Input von Brian Wilson war es schwierig, die Karriere der Beach Boys am Laufen zu halten. Ein qualitativ in Relation zu „Pet Sounds“ & Co geradezu „bestürzend“ zu nennender Song… dennoch spannend, dass ausgerechnet die Fun Fun Fun-Beach Boys sich eines Umweltthemas annehmen – und als alte Strandjungs auch noch dazu raten, sich fern vom Wasser zu halten.

The Beach Boys: „A Day in the Life of a Tree“, 1971 (Album „Surf’s Up“)

The Beach Boys: „A Day in the Life of a Tree“, 1971

An manchen Songs des gleichen Album hatte Brian Wilson doch mitgeschrieben – hier nimmt das lyrische Ich die Perspektive eines alten Baumes ein, mit dm Schluss:

Trees like me weren’t meant to live […]
My branches to the ground
There’s nothing left for me

Neil young hat über den Song gesagt: „Brian’s a genius… [It’s a] great song, man.“ (McDonough 2002)

Brian Wilson, 2016:

  • „[It’s] a big song because it’s about how people treat the earth, but it’s also a small song because it’s about how one living thing can feel stripped down and wrong for the world. In a way it’s not so different from ‚I Just Wasn’t Made for These Times.'“ (Greenman 2016)

Es ist ein meilenweiter Weg von „Surfin‘ USA“ und „I Get Around“ bis zu „A Day in the Life of a Tree“.
Man ist sich – auch angesichts Brian Wilsons Biografie – nicht ganz sicher, ob es hier wirklich um einen alten Baum geht.


Johnny Cash: „Don’t Go Near the Water“, 1974

Johnny Cash: „Don’t Go Near the Water“, 1974

„Don’t go near the water children
See the fish all dead upon the shore
Don’t go near the water
‚Cause the water isn’t water anymore…“

Auch Johnny Cash empfiehlt, sich lieber vom Wasser fernzuhalten. Konkret bedauert er im weiteren Songtext, dass er mit seinem Sohn nicht mehr unbefangen fischen gehen kann, da nun das ehemals klare Wasser in den Städten, d.h. unter menschlichem Einfluss, „poisoned and polluted“ sei.

Ein Song aus den Zeiten, in denen Umweltprobleme wie Rodung, DDT, Glyphosat, Ölkatatastrophen, Flußverschmutzung, Artensterben, Wüstenbildung etc. pp. noch einzeln – jedes für sich – und nicht systemisch als Alles-hängt-mit-allem-zusammen-Gesamtproblem wahrgenommen wurden. Hat sich bis heute nicht ausreichend geändert.


[David] Crosby/[Graham] Nash: „To The Last Whale“, 1975

[David] Crosby/[Graham] Nash: „To The Last Whale“, 1975

Gilt als eine der ersten großen Umweltschutz-Hymnen der Popgeschichte, ja, es ist tatsächlich ein Requiem – und ein „2-in-1-Song“:

Teil 1: „Criticall Mass“: A capella „ohne Worte“, mündet in einen Pink-Floyd-artigen Zwischenpart, der mit einem kurzen „Walgesang“ in den eigentlichen Song mündet:

Teil 2: „Wind On The Water“: Hier geht es zunächst um den in den 1970er Jahren sehr umfangreichen kommerziellen Walfang für… nichts (bzw. Luxus).

In der zweiten Strophe wird ein Wal sterbend an die Küste gespült – das Ende einer Ära.

It’s a shame you have to die
To put the shadow on our eye

Da liegt er nun und symbolisiert unser Versagen als Menschheit, unsere totale Entfremdung und wirft einen Schatten auf unsere moralische Exitenz.

Maybe we’ll go
Maybe we’ll disappear
It’s not that we don’t know
It’s just that we don’t want to care

Es ist ja nicht, als hätten wir es nicht gewusst. Es ist uns schlicht egal.

Under the bridge
Over the foam
Wind on the water
Carry me home

Mögen wir erlöst werden von der Entfremdung und wieder Teil der Natur und der Erde werden.

… macht süchtig.


Boney M.: „We Kill The World (Don’t Kill The World)“, 1981

Boney M.: „We Kill The World (Don’t Kill The World)“, 1981

„Where will this lead to and what is this good for?“

„Don’t kill the world
Don’t let her down
Do not destroy basic ground“

Nun, ein Umweltsong ist besser als kein Umweltsong, auch wenn er bemüht wirkt. Diesen Eindruck hinterlässt der Song samt Drehorten, Kinderchor, Melodie und Text jedenfalls bei mir. Auch waren „ernste Themen“ bis zu diesem Song kein Bestandteil des Markenkerns von Boney M., was nicht zur Authentizität beiträgt. Während Vieles von Boney M. m.E. gut gealtert ist wie u.a. „Ma Baker“, ist „We Kill The World (Don’t Kill The World)“ eher ein Zeitdokument der frühen 1980er Jahre, in denen die Angst vor Atomkrieg und Umweltverschmutzung – so sehe ich das – wundersamerweise größere Themen waren als heute, wo wir wirklich und unwiderruflich letzte Hand anlegen an den Ast, auf dem wir alle sitzen.


Midnight Oil: „Beds Are Burning“, 1987, über 300 Mio. Aufrufe seit 2009

Midnight Oil: „Beds Are Burning“, 1987

How can we dance when our earth is turning
How do we sleep while our beds are burning.

The time has come
A fact’s a fact
It belongs to them
We’re gonna give it back

Midnight Oils langjähriges Engagement für die Mitwelt und gegen Ungerechtigkeit ist außergewöhnlich – so wurde die Gruppe z.B. ab 1998 für einige Jahre stillgelegt, damit sich der Frontmann Peter Garrett seine Aufgabe als Präsident der australischen NGO National Conservation Foundation voll und ganz widmen konnte.

Später war Peter Garrett zeitweise Minister für Umwelt, Kulturerbe und Kunst.

In „Beds Are Burning“ geht es auf konkreter Ebene um die Forderung nach Rückgabe von Land an den Aborigines-Stamm Pintupi – auf größerer Ebene kann man den Song m.E. auch als Forderung für ein ökologischeres (und gerechteres) Handeln auf diesem Planeten verstehen.


… kein Erderhitzungs- oder Mitweltsong im engeren Sinne, aber universal:

John Lennon: „Imagine“, 1971 – Official Video

John Lennon: „Imagine“, 1971

OMG, das Klavier erklingt und sofort läuft es mir kalt den Rücken runter – und das passiert mir mit Anfang fünfzig (bedauerlicherweise) nicht mehr so häufig.

Kennt jemand ein Rezept für „kalt den Rücken runterlaufen“? – ich habe den Verdacht, dass ein solches Rezept dem Fortbestand der Zivilisation enorm dienlich sein würde.

„Imagine
there’s no heaven | there’s no countries | no possessions

Imagine all the people
Livin‘ for today | Livin‘ life in peace | Sharing all the world

You may say I’m a dreamer
But I’m not the only one
I hope someday you’ll join us
And the world will be as one“

Ja, stell Dir mal all das mal vor – dann hätten wir Menschen weder eine begonnene Erderhitzungs- noch eine begonnene Artensterbekatastrophe.
Und für den Fall, dass sich die Menschheit in naher Zukunft doch noch dafür entscheiden wird, eine Zukunft haben zu wollen, dann kann John Lennons „Imagine“ unser gemeinsames „Bekenntnis zum Leben“, eine Art „Hymne der Menschheit“ sein.

PS: Kriege sind in einer emissionsfreien Welt nicht möglich, siehe Handbuch Klimakrise Abschnitt Globale CO2-Emissionen des Sektors ‚Militär‘, anhand des Beispiels ‚Ukraine-Krieg‘


Quellen des Abschnitts „Umweltsong-Klassiker (international)“